DER ROTE MILAN - Interview zu "Moritat" vom 31.01.2019 mit Gitarrist "I" und Sänger "III"

 

- davon sich nicht als Künstler zu beschränken, der Freiheit im Geiste, den Leiden des Krieges, aber auch von der Hoffnung, ohne die man in solchen Zeiten verloren ist -

Am 01.02.2019 erschien das Zweitwerk des Trierer Sündenpfuhls DER ROTE MILAN, über deren selbst gegründetes Label Unholy Conspiracy Deathwork. Die Second Wave Black Metaller haben mit "Moritat" ein bemerkenswertes Album geschaffen, das von epischen Passagen bis zu brutalen Blast- und Wutausbrüchen jegliche Bandbreiten bedienen kann. Der eher traditionell gehaltene, überwiegend harsche Black Metal, der sich dem Auditorium durchaus von einer atmosphärisch zugänglichen Seite nähert, kommt dabei ohne viel Schnickschnack aus. Den Songs wohnt etwas Erhabenes, Anmutiges inne, das sich mit jedem neuerlichen Durchgang immer weiter öffnet und öffnet. "Moritat" macht Tod, Kälte, Leid, Hunger, Krieg, Seuchen und die damalige Zeit ein Stück weit erfahrbar...all das umgibt eine ganz spezielle Aura. In deutsches Textgewand gehüllt, beschäftigt sich der neue Studio-Kadaver in der Hauptsache mit den Wirren des Dreißigjährigen Krieges (1618 – 1648), seinen Auswirkungen auf die Geschichte, sowie dem wohl bekanntesten Räuber der deutschen Geschichte, dem „Schinderhannes“. Wie schon der Bandname andeutet, begreift DER ROTE MILAN die feuchtkalte Architektur seiner Musik als künstlerische Freiheit mit lokalem Bezug. Grund genug, dem Pfälzer Zirkel der Dunkelheit ein wenig auf den Zahn zu fühlen.

 

Streetdate: 01.02.2019 / Unholy Conspiracy Deathwork
Streetdate: 01.02.2019 / Unholy Conspiracy Deathwork

LACK OF LIES (LOL): "Moritat" ist euer zweites full-length Album. Es wird ab dem 01.02.2019 käuflich zu erwerben sein. Schon jetzt kann man das komplette Album unter dem Link https://www.youtube.com/watch?v=5B1pQCgeNes streamen. Wie waren denn die ersten Reaktionen darauf?

 

DER ROTE MILAN (DRM): Die ersten Reaktionen waren zum allergrößten Teil positiv. Da wir 'Moritat' seit 'Aus der Asche' als deutlichen Schritt nach vorne ansehen, ist es schön zu merken, dass die meisten Hörer das auch so sehen. Natürlich gibt es auf der anderen Seite auch die 90er-Black-Metal-Puristen, für die wir nichts als weinerliche Hipster-Scheiße sind. Geschmäcker sind glücklicherweise verschieden.

 

LOL:  Was ich persönlich bei meinen Recherchen über euch und "Moritat" gelesen habe, werdet ihr in der Hauptsache für euren Stil gefeiert und dafür gewisse Konventionen zu zerschlagen. Ist euch speziell letzteres wichtig oder geht es vielmehr darum, das Genre auch über seine Grenzen hinaus voll auszukosten und das zu machen, wonach einem gerade der Kopf steht?

 

DRM: Es bestand nicht von vornherein das Ziel irgendwelche Grenzen zu zerschlagen oder ein Genre weiterzubringen. Ich schreibe Musik so, dass es sich richtig anfühlt und wenn ich merke, dass ein bestimmter Part, eine bestimmte Melodie oder Harmonie da und dort passt und mir gefällt, dann würde ich nie darauf verzichten, weil es stilistisch nicht ins Genre 'Black Metal' passt. Damit beschränkt man sich als Künstler nur selbst. Man sollte ein Genre und dessen musikalischen Eigenschaften als Nährboden betrachten, aus dem man Inspiration zieht, nicht als Beschränkung.

 

LOL:  Was könnt ihr mir über eure Herangehensweise zu "Moritat" und dessen Entstehungsprozess sagen?

 

DRM: 'Moritat' ist in der gleichen Art entstanden wie auch schon 'Aus der Asche'. Ich habe die Songs zu Hause geschrieben und Gitarren und Bass auch zu Hause aufgenommen. Für die Gesangs- und Schlagzeugaufnahmen sind wir dann zu Markus Stock in die Klangschmiede gefahren, wo auch die Gitarren ge-reamp wurden. Dort haben wir dann auch gemeinsam unsere Klangvorstellungen besprochen und zusammen den passenden Schlagzeug- und Gitarrensound ausgewählt.

 

LOL:  Aufgenommen, abgemischt und gemastert wurde „Moritat“, wie schon der 2016er Vorgänger "Aus der Asche", von Markus Stock in dessen Klangschmiede Studio E zu Mellrichstadt. Was hatte euch damals dazu bewogen dieses Studio zu wählen und auch "Moritat" dort aufzunehmen?

 

DRM: Unser Gitarrist und ich haben beide schon mit anderen Bands mit Markus zusammen gearbeitet, kannten dadurch ihn und seine Herangehensweise und waren überzeugt davon, dass er genau der richtige Produzent für uns ist. Was sich dann auch schnell bewahrheitet hat. Markus hat ungeheuer viel Ahnung von Musik und wusste nahezu sofort welchen Sound wir brauchen und versteht auch Angaben, wie 'das müsste eher so eisig-hoffnungsvoll klingen'. Das ist schon fast beängstigend, wenn er die zu Hause aufgenommenen Demos hört, einen Moment lang am Amp werkelt und dann als ersten Vorschlag genau den Gitarrensound raushaut, den man sich vorgestellt hat. Das war bei den Aufnahmen zu 'Aus der Asche', und ab da wussten wir, dass wir bei ihm richtig aufgehoben sind.

DER ROTE MILAN
DER ROTE MILAN

LOL:  Wie kamt ihr darauf als Konzept den Dreißigjährigen Krieg, sowie die Geschichte des Schinderhannes in eurem Lyrics zu verarbeiten, zumal diese Ereignisse zeitlich etwa 150 Jahre auseinander liegen?

 

DRM: Es geht ja nicht nur um den Dreißigjährigen Krieg und den Schinderhannes. Es sind Geschichten aus der Vergangenheit und der Gegenwart. Der Dreißigjährige Krieg war einer der verheerendsten und einflussreichsten Ereignisse der Geschichte und woraus sich eine riesige Menge an Themen ergibt, über die sich das Nachdenken lohnt. Jeder Mensch, der damals in Deutschland gelebt hat, hat die direkten und indirekten Folgen zu spüren bekommen. Die im Westfälischen Frieden beschlossenen Gebietsverteilungen und die 'Antworten' auf religiöse Fragen haben das Land langfristig, über die Jahrhundertwenden hinaus verändert. Das Interessante am Schinderhannes ist für mich die Tatsache, dass man heute weiß, dass viele seiner Robin Hood'schen Taten reine Legenden sind und er schon damals keinen guten Ruf genoss. Weder bei den Reichen noch bei den Armen. Aber aus der Verzweiflung heraus dichtet der Mensch eben allem und jedem etwas Romantisches an, um sich nicht eingestehen zu müssen, dass es eben auch Menschen auf der Welt gibt, die ohne altruistischen Hintergedanken schreckliche Taten begehen.

 

LOL:  Was könnt ihr mir ansonsten zu der Umsetzung des Text-Konzepts sagen? Um was geht es dabei speziell? Leider lässt sich das textlich (wenn auch auf Deutsch) nicht immer auf Anhieb verstehen... Ihr dürft mir da gerne ein wenig auf die Sprünge helfen. ;-)

 

DRM: Die Texte handeln von den Leiden des Krieges, dem Hass und dem Zorn, der von ihm verbreitet wird, aber auch von der Hoffnung, ohne die man in solchen Zeiten verloren ist, von Entstehung und Verfall. Die Texte sind, bis auf die historischen Beschreibungen z.B. im Titeltrack 'Moritat', sehr abstrakt gehalten, sodass dem Hörer selbst Raum für Interpretation gelassen wird.

 

LOL:  Ich nehme mal an, dass hier auch der lokale Aspekt eine große Rolle gespielt hat, zumal der Schinderhannes vor etwas über 200 Jahren häufig im Hunsrück sein Unwesen trieb.

 

DRM: Genau. Diesmal haben wir uns sehr auf die lokalen Ereignisse konzentriert. Die meisten Geschichten spielen in unmittelbarer Umgebung unserer Heimatorte. Wie „Die Habsucht“ oder „Der letzte Galgen“. „Moritat“ erzählt quasi die Geschichte vom Schinderhannes.

 

LOL:  "Moritat" erscheint unter anderem als edle A5 Deluxe Cardboard Digi-Book CD. Man muss sich heute schon was einfallen lassen, um dem Downloadwahn entgegenzutreten. Ich nehme mal an, das war einer der Beweggründe, dieses ausgefallene Format zu wählen.

 

DRM: Es ging uns darum, dass die Leute, die etwas in der Hand halten und sich nicht mit Mp3 abfinden wollen, auch was Handfestes für das Regal bekommen. Man hat so viele Möglichkeiten CDs und LPs in ungewöhnlichen Formaten herzustellen, da kann man sich dann auch nochmal etwas ausleben und ein Format wählen, das auch zum Rest der Musik passt. Einfach nur ein Jewelcase mit Booklet ist da etwas sehr langweilig.

 

DER ROTE MILAN
DER ROTE MILAN

 

LOL:  DER ROTE MILAN ist eine Art Mystikum. Über euch erfährt man nicht allzu viel. Woran liegt das und soll das so bleiben oder wollt ihr uns vielleicht ein wenig aufklären?

 

DRM: Wir probieren nicht zwanghaft ein 'Mystikum' zu sein, Der Rote Milan ist aber Der Rote Milan und die 5 Individuen die dahinter stehen tun nichts zur Sache. Es geht um die Musik und darüber soll man sich seine Meinung bilden, ohne durch 'Persönlichkeiten' beeinflusst zu sein.

 

06.03.19 DE, Mannheim, Connexion Complex mit DARKSPACE, DER ROTE MILAN  und PEST EMPIRE
06.03.19 DE, Mannheim, Connexion Complex mit DARKSPACE, DER ROTE MILAN und PEST EMPIRE

LOL:  Wie kamt ihr eigentlich zu diesem doch recht ungewöhnlichen, aber nicht unpassenden Bandnamen?

 

DRM: Musik bedeutet Freiheit im Geiste, Überwindung von Schranken, das wird vom roten Milan verkörpert, der, kurz vor dem Aussterben, es geschafft hat, sich ohne Zutun des Menschen selbst zu retten und bei uns in der Region wieder sehr häufig gesehen werden kann. Das verkörpert genau die Kraft, das Durchhaltevermögen und die Hoffnung, die die Musik uns gibt.

 

LOL:  Ihr bedient euch lediglich der traditionellen Instrumentierung mit zwei Gitarren, Bass, Schlagwerk und Gesang. Kein Keyboard, kein elektronischer Schnickschnack oder sonstige Spielereien. Ist es euch wichtig, die Musik "rein" zu halten oder sind derartige Hilfsmittel in der Zukunft nicht ausgeschlossen?

 

DRM: Es gibt bei 'Moritat' eine Stelle, bei der wir die Akustikgitarren mit Synths untermalt haben. Prinzipiell würde ich überhaupt kein Instrument ausschließen, insofern es ins große Ganze passt. Ich würde aber nichts einsetzen nur damit z.B. ein Klavier oder Synth oder was auch immer auf der Platte ist. Wenn es künstlerisch Sinn macht und gut klingt, sind wir offen für alles. Wenn nicht ist weniger immer mehr.

 

LOL:  Erzähl mir über euer Label Unholy Conspiracy Deathwork. Es wird von euch selbst betrieben. Ist es auch eine Art Selbstvertrieb? Die Bands, die ihr unter Vertrag habt, sind sämtlich eure eigenen. Erzähl mir über die Vor- und Nachteile davon. Ich gehe mal davon aus, dass ein gewichtiger Punkt ist, dass man die Fäden nicht aus der Hand geben muss, alles unter eurer Kontrolle hat und ihr somit ungebunden bleibt!?!

 

DRM: Genau. Bei einem Labelvertrag hat man immer den Nachteil, dass man die Kontrolle über das eigene Werk abgibt. Es ist auch nicht gegeben, dass man bei allen Design- und Layoutfragen mitreden kann, und gerade heutzutage muss man sich bei physischen Tonträgern auch was einfallen lassen und etwas Besonderes herstellen. Mit Unholy Conspiracy Deathworks haben wir sozusagen den Mittelsmann ausgeschaltet und können zu 100% selbst entscheiden was wir wie veröffentlichen. 

LOL:  Nehmt ihr auch andere Bands mit rein, wenn ihr sie für gut befindet oder dient das Label lediglich der Verwirklichung eurer Vorhaben?

 

DRM: Dass momentan nur unsere eigenen Bands „unter Vertrag“ stehen heißt nicht, dass es so bleiben wird. Unser Ziel ist es, eine Plattform zu schaffen für Bands aus der Region um Veröffentlichungen und Konzerte zu ermöglichen. Bei uns in der Region gibt es viele Bands die super Mucke machen, die wollen wir mit UCD natürlich unterstützen. Auch wenn es abgedroschen klingt, ist es der Zusammenhalt und die gegenseitige Unterstützung, die die Metalszene am Leben halten.

 

LOL:  Ihr habt mal geäußert, dass ihr sehr gerne in einer Kirche in eurer Gegend auftreten würdet. Habt ihr da eine bestimmte Kirche im Sinn und habt ihr dort mal angefragt? ;-)

 

DRM: Bisher noch nicht, es gibt in der Eifel eine kleine Kapelle die leer steht, da wollten wir anfragen, bzw. einfach was auf die Beine stellen. Bei großen Kirchen ist es sicher schwierig mit der Akustik. Andererseits wären die unterirdischen Gänge der Kaisertherme in Trier ebenfalls reizvoll.

 

LOL:  Gibt es bereits ein paar eingetütete Konzert- und/oder Festivalplanungen für 2019, auf denen man eure Black Metal Kunst bewundern kann?

 

DRM: Schön dass du es als Kunst anerkennst. Am 13.4. wird es eine kleine Releaseshow bei uns in Trier geben und vorher spielen wir am 6.3. in Mannheim mit Darkspace und Pest Empire. Es folgen noch ein Festival und zwei, drei kleinere Shows im Herbst.

 

LOL:  Gibt es von eurer Seite noch etwas, dass ihr gerne mal loswerden wolltet und/oder ein paar Worte an die Menschen da draußen, die ihr mit eurer Musik erreicht?

 

DRM: Wir sind da recht bodenständig, dass was wir loswerden wollen, packen wir in unsere Musik und Lieder. Danke für das Interview.

 

 

Die Habsucht (Track Video): 

 

Drohende Schatten (Offcial Video):

 

DER ROTE MILAN – Moritat (Full Album):