EWIGHEIM - Interview zu „Schlaflieder“ mit Gitarrist und Programmierer Yantit vom 17.11.2016

 

- von entschärften Texten, Bildgewalt, toten Käfern und der bitteren Wahrheit in freundlichen Vokabeln -

 

Seit ihrem Debüt Album „Mord nicht ohne Grund“, aus dem Jahre 2002 stehen EWIGHEIM für makaberen, deutschsprachigen Dark Metal in morbider Todessehnsucht. In ihrem 17. Jahr veröffentlichen die Thüringer Schwarzmaler ihren sechsten Studio Output. Anno 2016 besann man sich jedoch auf ruhigere Elemente und kreierte mit „Schlaflieder“ ein atmosphärisches, wenn auch nicht mehr ganz so morbides Album wie noch zu „Heimwege“ oder „Bereue Nichts“-Zeiten. Mitte November stellte sich Gitarrist Yantit den schonungslosen Fragen von LACK OF LIES und des Totentanz Magazins (www.totentanz-magazin.de).

 

Streetdate: 21.10.2016 / Massacre Records
Streetdate: 21.10.2016 / Massacre Records

Janko: Zu allererst möchte ich euch zu eurem neuen Output „Schlaflieder“ gratulieren. Es ist mal wieder ein eingängiges, seichtes, euphonische, gleichwohl einfühlsames, melancholisches und emotionales Album geworden. Wobei ich aber auch ehrlich zu euch sein möchte, denn...

Beim Hören des Albums fragte ich mich, als langjähriger Fan oftmals, wo all die morbiden Fantasien abgeblieben sind? Indes ein bisschen ruhiger, ernsthafter und erwachsener geworden, will man sich musikalisch wie auch textlich sicherlich weiterentwickeln, aber was hindert einen daran, weiterhin freudig und metaphorisch makaber in den Tod zu springen?

 

Yantit: Hallo Janko, hab vielen Dank. Der Hauptgrund die Texte zu „entschärfen“ ist vor allem Allen B.`s Veto(recht) bei gewissen Themen und vor allem Formulierungen. Es ist zwar nicht so, dass ich beim Schreiben der Texte zu freundlichen Gedanken und Worten gezwungen werde, trotzdem gibt es bei den Gesangsaufnahmen immer wieder mal Diskussionen. Ich selbst bin, was die Texte und Themen betrifft nach wie vor schmerzfrei, habe mich aber auch keinem gegenüber zu verantworten. Ein Argument das Tobias öfter bringt ist, dass er irgendwann seinen Kindern erklären muss was er da gesungen hat… du verstehst was ich sagen will ;) Das ist aber auch kein ernsthaftes Problem, im Kern hat sich bei Ewigheim nichts geändert. Heute sage ich bestimmte Dinge einfach „Durch die Blume“ und alle sind glücklich.

 

Janko: Die metaphorische Wirksamkeit hat meiner Meinung nach ziemlich stark nachgelassen, was ich persönlich als kleine Tragödie empfinde, denn genau das ist es doch letztlich, was EWIGHEIM so interessant gemacht und von anderen Bands abgegrenzt hat (z.B.: „Leiche zur See“). Ihr seht das aber sicherlich ganz anders...klärt mich auf...:-)

 

Yantit: Nein, ich verstehe was du meinst, glaube aber du verwechselst metaphorische Wirksamkeit mit radikalem Vokabular. Höre dir mal „Der letzte Mensch“ von „Bereue nichts“,  „Am Meer“ von „Nachruf“, „Wir, der Teufel und ich“ von 24/7 oder „Mondlied“ vom neuen Album an. Diese Stücke transportieren (mindestens) dieselbe Bildgewalt wie „Leiche zur See“.

Janko: Ich vermisse auch das Spiel mit der Stimme (verzerrt, opernmäßig, hart, klar, überspannt, dabei todessehnsüchtig etc. oder wie auf dem obergenialen „Heimkehr/Bereue Nichts“). Auf Schlaflieder klingt sie mir doch etwas zu monochrom, auch die Härte und der Einsatz von elektronischen Elementen hat meiner Meinung nach stark nachgelassen...wie kam es dazu und war das von vornherein so beabsichtigt?

 

Yantit: Das Monochrome in der Stimme war gewollt, da es unserer Meinung nach einfach am besten zum Thema „Schlaf“ passt. Das Minus an elektronischen Elementen ist vor allem dem Plus an Atmosphäre geschuldet. Diese lässt sich - dem Thema entsprechend - mit anderen Mitteln (wie z.B. cleanen Gitarren) einfach besser erzeugen.

 

Janko: Wie waren denn die sonstigen Reaktionen auf das neue Album bislang? Und gab es bereits ähnliche Meinungen oder sehen das die anderen Hörer gänzlich anders?

 

Yantit: Jetzt wo ich deine kenne, muss ich sagen, sie waren überraschend positiv °lach° Zumal sie oft von Leuten kamen, die wie du, Ewigheim schon sehr lange hören.

 

Janko: Was könnt ihr mir ansonsten zu Entstehung und zur Produktion des neuen Albums sagen? Gab es irgendwelche bemerkenswerten Vorkommnisse oder gravierende Unterschiede zu euren vorigen Releases? Wie geht ihr an die Entwicklung der Songs und letzten Endes an die Produktion eines neuen Werkes heran?

 

Yantit: Da hat sich nichts geändert. Ich schreibe sowohl die Texte als auch die Musik nach wie vor allein. Die anderen beiden bekommen dann die „Entwürfe“ und wir reden darüber. Gegebenenfalls wird etwas verändert oder es landet auch mal etwas in der Tonne. Der einzige Unterschied war wohl, dass ich lange dachte es würde ein recht geradliniges, finsteres Rock Album. Nachdem ich etwa die Hälfte der Stücke fertig hatte, musste ich mir dann eingestehen, dass es eher eine finstere, melancholische und sehr ruhige Platte wird… das ist aber auch vollkommen gleichgültig.

 

Janko: In einem Interview mit dir habe ich gelesen, dass ihr während der Aufnahmen zu euren Alben im Allgemeinen ernsthaft darüber nachgedacht habt, ob ihr nicht verflucht seid. Woran lag das und was waren die ausschlaggebenden Punkte dafür? Gab es irgendwelche sonderbaren Vorkommnisse?

 

 


Yantit: Leider ja und es betrifft fast jede Produktion in der Vergangenheit. Da gab es wirklich alles, von Todesfällen im Vorfeld bis zu einem schweren Autounfall, den Schwadorf während der Aufnahmen zu „Nachruf“ (was schon makaber ist) hatte. Das zweite seltsame Ding, das mich schon seit „Heimwege“ verfolgt, sind tote Käfer. Alle paar Jahre finde ich hier in unserem Haus einen davon. Es sind immer die gleichen, großen Käfer und es hat den Anschein, sie suchen sich hier einen Platz (in irgendwelchen Ritzen) zum Sterben. Wirklich merkwürdig ist neben ihrer Größe (etwas so groß wie ein Hirschkäfer) das ich vorher noch nie einen Käfer dieser Art gesehen habe und das ich sie immer dann finde, wenn wir mit Ewigheim etwas machen wollen. Den letzten (von 6) habe ich ein paar Tage vor den Aufnahmen zu „Schlaflieder“ entdeckt… wie gesagt, das ist kein Scherz!

 

Janko: Auf „Schlaflieder“ gibt es einen zweiten Teil zu „Wir, der Teufel und ich“. Worum geht es dabei genau? Wie kam es dazu und habt ihr eine besondere „Beziehung“ zum Teufel? Er ist ja des Öfteren mal Thema in euren Texten...

 

 

Yantit: In den beiden Texten geht es um darum, was der Teufel heute für mich ist (Teil 1) und wie ich ihn als Kind für mich entdeckt habe (Teil 2). Abgesehen davon, dass ich gern „Hail Satan“ sage, rede ich ungern darüber. Aber ich nehme ihn sehr ernst und bin froh, dass es ihn in gibt.

Janko: Indes selbst ein wenig ernsthafter geworden, was das Thema Tod angeht und ihm mit den Jahren Schritt um Schritt näher gekommen (wie wir alle)...wie steht ihr denn mittlerweile selbst zum Thema Tod? Hat sich da in den letzten Jahren etwas Grundlegendes an eurer Haltung geändert? Auch in Bezug auf eure Texte?

 

Yantit: Da kann ich nur für mich sprechen und wie gesagt, es hat sich nichts geändert. Im Gegenteil, eigentlich ist es genau umgekehrt. Mir ist schon früh aufgefallen, dass ich mit 20 Jahren Gedanken hatte, die eigentlich 80 Jährigen vorbehalten sein sollten. Keine Ahnung ob das nun gut oder schlecht ich und ändern kann ich es auch nicht. Grundsätzlich denke ich aber, man kann ernsthaft sein ohne zu verbittern und sich dabei auch etwas kindliches/albernes bewahren um sich am Ende selbst nicht zu ernst zu nehmen … diese Idee landet schon immer und auch GENAU SO in den Texten für Ewigheim.

 

Janko: Habt ihr eigentlich bereits im deutschsprachigen Ausland gespielt? Falls ja...wo und welche Erfahrungen habt ihr dort gemacht und falls nein...wo würde es euch reizen aufzutreten?

 

Yantit: Nein, wir waren bislang leider weder in Österreich noch in der Schweiz. Aber ich liebe (vor allem) Österreich und denke es ist alles nur eine Frage der Zeit, zumal ich (durch Eisregen) weiß, dass dort einen ganzen Haufen Leute gibt, die Ewigheim zu schätzen wissen.

 

Janko: Ihr spielt demnächst die „Auf Abwegen Tour 2017“. Es sind alles Wochenenddates. Was macht EWIGHEIM denn eigentlich unter der Woche?

 

Yantit: Allen B. arbeitet als selbstständiger Musiklehrer in seiner Musikschule, Schwadorf betreibt die Klangschmiede Studio/E und ich tätowiere seit fast 20 Jahren.

 

Janko: Was haben wir in Zukunft von EWIGHEIM zu erwarten? Werden die Texte vielleicht wieder ein bisschen fieser und morbider?

 

 

Yantit: Nein, nach diesem niederschmetternden Interview werden wir Ewigheim zu Grabe tragen müssen … an dieser Stelle von Herzen SORRY, wir wollten dich wirklich nicht enttäuschen °lach° Aber ernsthaft, gib „Schlaflieder“ noch eine Chance, dass Album hat sie verdient. Früher haben wir, die im Grunde freundliche Botschaft, in sehr harte Worte gepackt. Heute ist es umgekehrt und die bittere Wahrheit wird in freundlichen Vokabeln vorgetragen. Wer sich dessen bewusst wird, stellt schnell fest, dass wir mit Ewigheim noch nichts Morbideres gemacht haben … und keine Sorge, bei mir selbst hat es für diese Einsicht auch ein paar Jahre gebraucht ;)

 

Janko: Vielen Dank, dass ihr euch die Zeit genommen habt, meine Fragen zu beantworten. Ich wünsche euch weiterhin viel Erfolg, dass ihr noch lange Spaß an eurer Musik habt und das eure Konzerte gut besucht sein mögen!!!

 

Yantit: Ich danke dir und wünsche dir ebenfalls das Beste. Vor allem hoffe ich, dass du genau SO weiter machst! Es ist toll zu sehen, dass es noch Leute gibt, die Dinge in Frage stellen.

 

In diesem Sinne,

Yantit

 

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