SCHIRACH, FERDINAND VON  - Terror

(btb Verlag)

 

Wer bereits Bücher des Autors Ferdinand von Schirach gelesen hat, weiß in etwa um den spannenden, unterhaltsamen und stakkatohaften Schreibstil des ehemaligen Strafverteidigers. Seine prägnanten Erzählungen haben generell mit Recht und Unrecht zu tun, die zumeist auf wahren Begebenheiten beruhen. Bei seinem neuesten Werk „Terror“, welches am 12.09.2016 als Taschenbuch im btb Verlag erschien, verhält es sich allerdings etwas anders. Dieses Mal handelt es sich um eine rein fiktive Geschichte, etwas unkonventionell in Form eines Theaterstücks verfasst, in die wir als Leser aktiv eingebunden werden. Unverhofft befinden wir uns, als einer der Schöffen in einem Gerichtsverfahren und sollen am Ende der Hauptverhandlung unsere Einschätzung in Form eines Urteils abgeben. Das macht das Thema durchaus interessant, da der Leser am Ball bleiben, aufpassen und über das Geschriebene nachdenken muss.

 

Die Ausgangssituation ist folgende: der Luftwaffenpilot der Bundeswehr Lars Koch schießt einen Airbus A320-100/200 während seines Fluges von Berlin nach München ab. An Bord befinden sich 164 Passagiere. Es ist der 26.05.2013. Die Maschine wurde entführt und soll in die, mit 70.000 Menschen vollbesetzte Münchner Allianz Arena gesteuert werden. An diesem Tag wird dort das Länderspiel Deutschland gegen England ausgetragen. Der Entführer ist Mitglied einer Splittergruppe der Al-Qaida und befindet sich, zusammen mit den beiden Piloten, im Cockpit der Maschine. Seitens des Ministers, dem das alleinige Recht zur Erteilung des Abschussbefehls obliegt, wurde ein solcher Befehl nicht erteilt. Lars Koch muss sich also der Anklage wegen Mordes in 164 Fällen stellen. Hier wird nun die ethisch, wie moralisch kaum zu beantwortende Frage gestellt, ob man „vieles“ unschuldiges Leben gegen „weniges“ unschuldiges Leben aufwiegen kann. Des Weiteren wird die Frage, ob der Angeklagte frei zu sprechen ist, im Prinzip bereits gleich zu Anfang mit „Nein“ beantwortet, denn das Bundesverfassungsgericht hatte im Jahr 2006 entschieden, es widerspreche der Verfassung, unschuldige Menschen zu Rettung anderer unschuldiger Menschen zu töten. Da es sich innerhalb dieser fiktiven Geschichte allerdings um ein rechtsstaatliches Gerichtsverfahren handelt, stellt sich die Frage nach Ethik und Moral eigentlich nicht. Der Angeklagte ist wegen Mordes nach § 211 Absatz 2, Gruppe2, Variante 3 i.V.m. § 52 Absatz 1 StGB zu verurteilen. Rechtsstaatlich gesehen führt da kein Weg dran vorbei, was jegliche aufkommende Diskussion müssig und eigentlich auch überflüssig macht. Alle anderen Entscheidungen würden den Rechtsstaat in seiner Souveränität aushebeln. So bitter das auch klingt. So lange seitens der Regierung nichts anderes bestimmt wird, ist ein solch gelagerter Abschuss im deutschen Luftraum unrechtmäßig und bedarf der Strafverfolgung. Ob das Handeln moralisch richtig oder falsch gewesen ist, hat das Gericht nicht zu interessieren. Hierbei geht es auch nicht mehr länger um das Gewissen, nicht mehr um Gefühle, nicht mehr zum Moral und nicht mehr um Ethik. Hier geht es um Rechtsprechung und da ist unser Gesetz eindeutig. Will man anders entscheiden, bedarf es zuvor diverser Gesetzesänderungen.

 

Nun ist es aber so, dass von Schirach ein gravierendes Versäumnis seitens der Behörden eingebaut hat, welches ein gänzlich anderes Bild auf die ganze Sache wirft und die Schwere der Tat, bzw. das Vorgehen und die Missachtung des Befehls in einem etwas anderen Licht erscheinen lässt. Ich halte diesen Einwurf des Autors allerdings für wenig glaubhaft, da es für derartige Fälle Verfahrensanweisungen gibt, die strikt einzuhalten und in Standards festgeschrieben sind. Zusätzlich müsste der Angeklagte von diesem Versäumnis zum Zeitpunkt des Abschusses der Maschine bereits Kenntnis gehabt haben, was meiner Meinung nach mit keiner Silbe erwähnt wird und einen riesigen Bock darstellt. Auch weitere, sich häufende Missstände und Fauxpas werden geflissentlich übersehen, was eine vernünftige Einschätzung der Situation bzgl. eines eventuellen Notstandes etc. nahezu unmöglich macht und den gesamten Sinn und die Essenz der Geschichte ad absurdum stellt. Es bleiben zu viele Fragen offen, zu viele Hintergründe unbeleuchtet, zu viele Ungereimtheiten bestehen, als dass man sich hier ein klares Bild der Situation verschaffen könnte. Von Schirach pusht das Ergebnis dadurch zusätzlich in eine gewisse Richtung, was ich nicht für neutral genug halte.

 

Dafür, dass der Angeklagte Lars Koch ein hochintelligenter Mensch und Elitesoldat ist, antwortet und argumentiert er teilweise arg naiv und unglaubwürdig. Im Hinblick auf die Brisanz dieser fiktiven Geschichte, wenn sie denn tatsächlich so stattgefunden hätte, würde der Angeklagte Luftwaffenpilot der Bundeswehr sicherlich keine eigenen Angaben machen, sondern sich lediglich über seinen Anwalt äußern, um sich nicht unnötig selbst zu belasten. Schon allein hier wird die Geschichte unglaubwürdig, da der Fall seitens der Bundeswehr, auch wenn es sich hierbei um ein zivilrechtliches Verfahren handelt, mit ganz anderen Mitteln angegangen worden wäre. Auch das Argument, dass die Passagiere eventuell ins Cockpit hätten gelangen können, ist weit hergeholt, da sich indes rumgesprochen haben dürfte, dass sich die Cockpit Türen im Prinzip nur von innen öffnen lassen. Da die Cockpit Türen, nach den Terror-Anschlägen vom 11. September 2001 besonders gesichert wurden, um ein unerlaubtes Eindringen zu verhindern, stellt sich auch diese Frage nicht. Die Türen halten selbst Schüsse ab und können nur von einzelnen, ausgewählten Crewmitgliedern mit einem bestimmten Code geöffnet werden, was durchaus mehrere Minuten in Anspruch nehmen kann. Des Weiteren kann dies mittels eines kleinen Hebelchens vom Cockpit aus ganz einfach unterbunden werden. Jede Airline hat dabei ihre speziellen Regelungen, zu denen sich der Autor ebenfalls gänzlich ausschweigt. Es gibt einfach zu viele Wenn und Aber, um die Frage nach einem angemessenen Handeln sorgfältig beantworten zu können. Hätte der Pilot die Maschine beispielsweise über unbewohntem Gebiet gezielt abstürzen lassen können? Sämtliche Leute an Bord wären ohnehin Gestorben. Man muss von Schirach aber auch insofern in Schutz nehmen, als das Was-wäre-wenn, das Theaterstück auch unnötig und zu sehr aufgebläht hätte.

 

©Michael Mann
©Michael Mann

Zur anschließenden Rede von Schirachs auf Charlie Hebdo, die am Ende des Buches abgedruckt ist, über das, was Satire darf -nämlich alles-, habe ich mit Einschränkungen in etwa die gleichen Ansichten, bin aber der Meinung, dass Satire nur so lange alles darf, wie der gegenseitige Respekt (in diesem Falle der gegenseitige Respekt der Religionen und Kulturen als allgemein zu achtendes und hohes Gut) gewahrt wird. Wenn man Menschen mit seiner Satire verletzt, darf man sich über Konsequenzen, so hart, ungerecht und überzogen sie auch immer sein mögen, nicht wundern. Nicht erst, als die (meiner Meinung nach) beleidigenden, verletzenden und völlig sinnfreien Karikaturen von Charlie Hebdo veröffentlicht wurden, fragte ich mich, ob dies nun auf Mut oder Dummheit zurückzuführen sei. Musste man denn tatsächlich noch mehr Öl ins Feuer gießen? Ich dachte so bei mir, dass sich die Verfasser, wie auch die Herausgeber nicht wundern bräuchten, wenn sie Anschlägen zum Opfer fallen würden. Das konnte man sich, mit auch nur einem kleinen Funken Menschenverstand, eigentlich denken. Musste man so etwas veröffentlichen? Natürlich rechtfertigt das die anschließenden Taten nicht, aber so erklären sie sich. Ich halte nichts von diesen Karikaturen. Sie sind respektlos, dumm, entbehrlich und ignorant! Das dürfen und sollten Karikaturen vielleicht auch sein, aber wer, außer den Effekthaschern hat diese Karikaturen denn überhaupt gebraucht? Es geht meiner Meinung nach auch nicht so sehr um die Frage, was Satire darf, sondern vielmehr was Satire nötig hat.

 

Es kommt immer darauf an gegen wen sich Satire richtet und wie derjenige, gegen den sie sich richtet damit umzugehen weiß und ob man davon Kenntnis hat oder zumindest hätte haben müssen. Wenn man doch aber definitiv darum weiß, dass diese Satire eine extreme Respektlosigkeit für das Gegenüber bedeutet, sollte man das respektieren und sich eines Besseren besinnen. Ich bin der Meinung, dass uns solche Dummheiten in der muslimischen Welt sicherlich keine Freunde machen und wir nicht zuletzt durch solch überflüssige Handlungen äußerst unbeliebt machen. Wenn Jesus mit kleinem Penis, Kanzlerin Merkel mit Hitlerbärtchen oder Wolfgang Schäuble in Naziuniform dargestellt werden, ist das vielleicht nicht witzig und für die Betroffenen beschämend, aber deswegen bricht in der Regel keine Gewalt aus. Bei Mohammed Karikaturen sieht das nun mal anders aus. Auch wenn das 'Warum' hierzulande kaum jemandem einleuchten mag, ist das nun mal Fakt. Man sollte vielleicht mal darüber nachdenken, dass es Milliarden von Menschen auf dieser Welt gibt, die nicht die gleichen Denkweisen haben wie wir und das unser weltoffenes Denken und unsere freiheitlichen Werte sicherlich nicht für alle auf diesem Planeten das Non plus Ultra darstellen. Es gibt eben auch Andersdenkende und auch oder gerade das sollte man (vor allen Dingen wir als freiheitliche und tolerante Gesellschaft) respektieren. Das waren auch keine Angriffe auf die Meinungsfreiheit, denn die Karikaturen stellten ja keine Meinungen, sondern einfach nur provokante Beleidigungen und Respektlosigkeiten dar. Das soll die Anschläge weder beschönigen noch rechtfertigen, aber man hat sie bewusst in Kauf genommen und meiner Meinung nach sogar provoziert. Da fällt es mir schwer, eine Preisverleihung und eine Lobesrede an Charlie Hebdo gut zu heißen. Aber auch das muss letzten Endes jeder für sich selbst entscheiden.

 

Im Hinblick auf moralische und ethische Grundsätze und als reines Theaterstück halte ich die Handlung für durchaus reizvoll und interessant, für sich als reines Taschenbuch genommen, funktioniert sie in meinen Augen aber eher nicht. Schade eigentlich, denn unter diesen Umständen hätte ich das, gerade mal 176 Seiten umfassende Buch sicherlich nicht gebraucht. Es werden durchaus interessante Beispiele angeführt, bei denen wir uns tatsächlich unsicher werden, wie wir entscheiden würden, auch wenn die entsprechenden Vergleiche doch etwas arg hinken. Klären tut das Theaterstück letzten Endes allerdings nichts. Wer die Verfilmung dieses Theaterstücks bereits gesehen hat, braucht sich das Buch im Prinzip nicht mehr zuzulegen, da hier fast alles 1:1 übernommen wurde. Das Theaterstück „Terror“ wird in verschiedenen deutschen Großstädten aufgeführt und ist sicherlich eine interessante Erfahrung, wenn der Hinweis kommt, dass man auch die moralischen und ethischen Aspekte in seine Überlegung mit einbeziehen soll. Die Uraufführung fand am 3. Oktober 2015 im Deutschen Theater Berlin statt.

 

Meine Wertung: 72/100

 

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