ILLDISPOSED - Interview mit Gitarrist Jakob Batten v. 09.06.2016

 

  - vom härtesten Album, einem Swimmingpool im Aufnahmeraum, Budgetkürzungen und Schweinehaxe - 

 

"Wir sind die eierlosen Nutten" oder "hier kommen die schwulen Dänen", wie sich unsere nordeuropäischen Nachbarn von ILLDISPOSED gerne mal selbst auf deutschen Bühnen ankündigen und damit mächtig aufs Korn nehmen, haben mit "Grey Sky Over Black Town" ein wirklich fieses, tief grollendes Death Metal Groove Monster von der Kette gelassen. Ein endfetter, wüster Schlag in die Fresse also! Zum größten Teil brutal, dennoch melodisch und stets eingängig, präsentieren sich ILLDISPOSED anno 2016. Bereits ein knappes viertel Jahrhundert ist seit ihrem Debüt „Four Depressive Seasons“ aus dem Jahre 1993 vergangen. Mit ihrem 14 Studioalbum haben ILLDISPOSED nun eine weitere Sprosse ihrer Karriereleiter erklommen, eine düstere, brachiale und dämonisch anmutende Atmosphäre inklusive epischer Soundlandschaften geschaffen und damit einen, durchgehend auf höchstem Niveau angesiedelten Longplayer auf die Menschheit losgelassen. Gitarrist Jakob Batten beantwortete Anfang Juni die Fragen des Totentanz Magazins via E-Mail, aber lest nun selbst was es alles Neues rund ums ILLDISPOSED Lager zu berichten gab...

Janko: Hallo Jakob! Als erstes möchte ich euch zu eurem neuen Output "Grey Sky Over Black Town" gratulieren. Massive Power, starke Produktion, eine Menge Groove, sehr präzise und effektive Arrangements, mit einigen kleineren und wenigen größeren Atempausen. Ich habe es als laut, episch, aber gleichzeitig brutal und extrem beschrieben. Bo Summer's bestialische, dämonische Vokills boxen oder springen dem Hörer direkt ins Gesicht...wie ein entfesseltes Biest...diese Veröffentlichung hat mächtig Eier!!! J Ist das wirklich Bo's Stimme 1:1 oder habt ihr mit Harmonizer oder ähnlichen Effektgeräten gearbeitet?

 

Jakob: Es ist alles 1:1 aufgenommen. Ich muss es ja wissen, denn ich habe es aufgenommen. Aber Tue Madsen (Leiter und Produzent des Antfarm Studios in ihrem Herkunftsort Aarhus; Anm. d. Verf.) hat hier und da einige Effekte gesetzt. Zum Beispiel den “slime” Effekt bei “Your Darkest Son”. Wir sehen kein Problem darin, hier und da ein paar coole Effekte einzustreuen, um das Ganze fein abzuwürzen.

 

Janko: "Grey Sky Over Black Town" wurde vor fünf Tagen veröffentlicht. Was kannst du mir hinsichtlich der ersten Reaktionen sagen? Wie kamt ihr auf den Titel, welche Bedeutung hat er für euch und wie steht er im Bezug zum Album und dessen Inhalt?

 

Jakob: Die Reaktionen waren überwältigend. Ich dachte nicht, dass es SO gut angenommen wird, denn es ist ein härteres Album geworden, als man es von uns erwartet hätte. Es gibt mehr Grind Parts und allgemein mehr brutale Passagen. Der Titel ist dem Text für den 1995er Song "Memories Expanded" entnommen. Die letzten drei Alben hatten Titel, die von unseren eigenen Texten stammen, warum das Ganze also nicht fortführen? Wir brauchten etwas düsteres, denn es ist nun mal ein sehr düsteres Album.

 

Janko: Ihr habt ein paar neue Einflüsse in euren Sound gepackt. Ein bisschen Black Metal zum Beispiel, ihr spielt häufig mit wechselnden Geschwindigkeiten, da ist auch mehr Abwechslung innerhalb der Songs zu spüren und es sind ebenfalls ein paar Keyboardparts zu vernehmen. Wie seht ihr euer Album mittlerweile mit der nötigen Distanz, nun da es veröffentlicht ist und wie muss ich mir das "Making Of" eures neuen Materials vorstellen? Was hattet ihr gedanklich angepeilt und wie habt ihr es umgesetzt?

 

Jakob: Während wir die Songs schrieben, wollten wir sie noch schneller und brutaler haben. Aber irgendwie haben da ein paar langsame Songs den Weg auf das Album gefunden haha. Es ist trotzdem ein wirklich hartes Album, verglichen mit dem was wir die letzten zehn Jahre über gemacht haben. Und ja, die Black Metal Einflüsse scheinen hier und da mal durch. Ich denke, es ist ein Album, dass unsere gesamte 25 Jährige Karriere umspannt.

Janko: Was dachtest du, als du zum ersten Mal das Coverartwork von Lasse Hoile gesehen hast?

 

Jakob: Ich hatte die Idee von einer Person, die in einer düsteren westernähnlichen Stadt an einem Galgen hängt. Lasse hat diese Idee so umgewandelt, wie sie seiner Meinung nach für das Album am passendsten war. Und ich fand das richtig gut. Da steckt eine Menge Bewegung und Tiefe in dem Photo. Es ist ein Cover, das dich zum Nachdenken anregt, nicht so wie die üblichen, statischen Death Metal Cover.

 

Janko: Wird es ein echten Videoclip für "Grey Sky Over Black Town" geben? Das Lyrik Video zu "Your Darkest Son" zeigt weitere Arbeiten von Lasse Hoile. Wurden diese Bilder für das Booklet entworfen? Mir liegt leider nur die Download Version vor, folglich hatte ich bislang keine Möglichkeit einen Blick darauf zu werfen.

 

Jakob: Die Images des Lyrik Videos sind auch im Booklet enthalten. Sie sind Teil des selben Photoshootings. Ich denke nicht, dass wir ein Musik Video drehen werden, da ein gutes Video so viel kostet, wie die Produktion eines gesamten Albums. Also solange unser Label oder ein Sponsor es nicht bezahlen, werden wir auch keins machen.

 

Janko: Gut das Antfarm Studio in der Heimatstadt zu haben. Wohnt ihr alle noch in Aarhus? Ihr arbeitet ja bereits seit dem "1-800 Vidication" Album mit Tue Madsen. Wie ist es mit ihm zu arbeiten und wie viel Einfluss nimmt Tue auf eure Ideen? Gibt er euch viele Ratschläge, oder wisst ihr mittlerweile genau, wie ihr klingen wollt? Braucht ihr ihn dann eigentlich noch (hahaha...)?

 

Jakob: Im Moment wohnen nur zwei von uns in Aarhus. Ken ist nach Kopenhagen gezogen, wird aber in ein paar Jahren wieder zurückkommen. Unser Drummer Rasmus wohnt auch in Kopenhagen. Ich wohne in Silkeborg, was etwa 40 km von Aarhus entfernt liegt. Mit Tue zu arbeiten ist wirklich easy. Wir kennen ihn seit zwanzig Jahren oder sogar noch länger und er weiß, was wir wollen. Wenn er will, dass wir etwas anders machen, sagt er es uns. Aber meistens sind wir einer Meinung. Also sehe ich auch keinen Grund das zu ändern. Alles ist easy und wir mögen den Sound, den er produziert.

Janko: Auf eurer Homepage gibt es ein paar ältere Bilder mit Drumsets, die im Swimmingpool des Antfarm aufgebaut sind. Kann man dort den besten Sound rausholen und habt ihr das auf "Grey Sky Over Black Town" genauso gemacht? Ist das eine gängige Praxis von Tue oder war das nur ein Versuch, der aufging? Habt ihr von den gleichen Praktiken in anderen Studios gehört?

 

Jakob: Dieses Mal haben wir das Schlagzeug direkt auf dem Boden neben dem Swimmingpool platziert. Ein paar Monate bevor wir ins Studio gingen fiel ihm auf, dass der Sound auf diese Weise besser klingt. Man kann ein wirklich cooles, natürlich klingendes Ambiente aus dem Raum im Pool herausholen. Ich hab noch nie davon gehört, dass jemand auf diese Weise aufnimmt, aber welches Studio hat auch schon einen Swimmingpool im Aufnahmeraum?

 

Janko: Die technischen Entwicklungen innerhalb der Produktion sind enorm. Worin siehst du die hauptsächlichen Vorteile im Vergleich zu euren Anfangstagen? Manche Leute bevorzugen den alten (eventuell analogen) Sound, andere (wie ich) mögen eher den klaren, präzisen Sound (hell yeah…it's a studio album…so what?). Wie siehst du diese beiden Seiten der Medaille?

 

Jakob: Ich glaube der Hauptvorteil liegt in der Nutzung des Computers. Wir benutzen immer noch die gleiche analoge Ausrüstung um unsere Instrumente aufzunehmen und der Computer ist lediglich ein Hilfsmittel um die manuellen Prozesse zu vereinfachen, denn man kann damit einige Abläufe ganz einfach automatisieren. Dadurch ist es plötzlich möglich, Dinge etwas schneller zu erledigen als zu der Zeit, zu der wir mit Tonbandaufnahmen arbeiteten. Ich sehe den Computer als hilfreiches Werkzeug und nicht als eine Art Mogelpackung. Es läuft nur dann auf Betrug hinaus, wenn man die ganzen Schwindeleien und dreckigen Tricks ausnutzt. Das machen wir nicht.

 

Janko: Bo Summer ist das einzige übrig gebliebene Gründungsmitglied und ihr hattet eine menge Besetzungswechsel. Wie geht eine Band wie ILLDISPOSED damit um? Worin liegen die hauptsächlichen Vor- und Nachteile der neuen Bandmitglieder an deiner Seite?

 

Jakob: Es nervt Bandmitglieder auszutauschen, ich hasse das wirklich. Aber es ist notwendig, um die Band am Laufen zu halten. Wir können ja niemanden dazu zwingen in der Band zu bleiben, wenn er nicht möchte. Und wenn es mit jemandem nicht funktioniert, wird er gefeuert. In dieser Hinsicht ist eine Band wie eine Firma. Firmen haben auch nicht zwanzig Jahre lang die gleichen Mitarbeiter. Es nervt, viel Zeit dafür zu opfern, einem neuen Bandmitglied all die Songs draufzupacken. Aber im selben Moment kann es auch sehr inspirierend sein mit neuen Leuten zu arbeiten.

Janko: ILLDSIPOSED wurden über das letzte Vierteljahrhundert stärker und stärker. Wie denkst du über diesen langen Zeitraum und was waren die bemerkenswertesten Ereignisse in dieser Zeit?

 

Jakob: Oh ja, es sind so viele geile Sachen passiert. Wir wurden von Roadrunner Records, einem der größten Rock/Metal Label in der Welt unter Vertrag genommen. Wir waren auf dem Soundtrack des erfolgreichen Horror Films "SAW". Wir haben uns mit sieben Alben in Folge in den dänischen Album Charts platziert. Wir haben viele tolle Länder kennengelernt. Die Liste ist lang.

 

Janko: Ihr habt einige extensive Jubiläumsshows mit noch nie gespieltem Material versprochen. Wird dies ebenfalls in Zusammenhang mit den Sommer Festival Terminen stehen? Wie sieht es mit euren Plänen für die nächste Europa Tour aus und was plant ihr sonst noch für diese Tour oder ist das momentan noch alles Top Secret? :-)

 

Jakob: Wir haben drei Jubiläumsshows in Dänemark gespielt. Die waren wirklich klasse. Eine davon endete mit einer riesengroßen Party und einer Bühne voller Leute. Wir tun alles was in unserer Macht steht, um den Leuten auf den Festivals die gleiche Erfahrung zu Teil kommen zu lassen. Die meisten Festivals lassen uns aber maximal 45 Minuten Spielzeit, somit können wir natürlich nicht Songs von allen 14 Alben spielen. Ich bin mir nicht sicher, ob wir dieses Jahr eine Europa Tour machen werden. Was das Touren anbetrifft ist der Wettbewerb wirklich heftig geworden und es ist wirklich sehr schwierig mit den Packages von drei bis vier amerikanischen Bands zu konkurieren. Aber wir werden sehen was sich ergibt.

Janko: Gibt es etwas, dass ihr mit ILLDISPOSED noch nicht erreicht habt? Welche Träume würdet ihr euch wünschen in Erfüllung zu gehen? Ihr habt zum Beispiel noch nie in den USA, Kanada, Süd Amerika oder sogar Asien getourt. Wäre das einer eurer großen Träume? Ich denke, es wäre an der Zeit Fußspuren und in der Folge auch ein paar zerstörte Clubs in Übersee zu hinterlassen...woran liegen oder lagen bislang die Probleme?

 

Jakob: Wir haben noch nie in den USA etc. getourt, denn jedesmal wenn wir dort drüben eingeladen wurden, sollten wir zahlen um zu spielen ("pay-to-play" ist seit Jahren eine gängige Masche, um die Tourneen mehr oder minder großer Bands mitzufinanzieren; Anm. d. Verf.). Und das ist etwas, das wir niemals machen werden. Wir verspüren keinen Drang irgendwo hin zu müssen. Europa ist groß genug für uns. Aber wenn uns jemand das richtige Angebot macht, sind wir dabei. Egal wo auch immer in der Welt das ist. Daran gibt es keinen Zweifel.

 

Janko: In einem Interview aus dem Jahre 2012 habe ich gelesen, dass ihr von eurer Musik immer noch nicht leben könnt. Ist das noch up to date? Was macht ihr sonst so, um eure Rechnungen zu zahlen? In meinen Augen seid ihr eine der am meisten unterschätzten Bands in der Metal Welt. Ich denke, du gehst da absolut konform mit meiner Meinung... 

 

Jakob: Der finanzielle Aspekt wird jedes Jahr schlechter und schlechter. Also, wenn wir 2012 nicht von unserer Musik leben konnten, ist das heutzutage erst recht nicht möglich. Wir sind immer auf der Suche nach neuen Möglichkeiten, um Geld einzusparen. Das ist ziemlich ärgerlich. Sollen wir diesmal den Tontechniker feuern? Es nervt. Es geht immer darum, das Budget zu kürzen. Ich arbeite zum Beispiel als System Administrator für eine große Firma. Ich mag meinen Job, aber manchmal wäre es schön, ein wenig mehr Zeit für die Musik zu haben. Wir mögen unterschätzt werden, aber das zahlt auch nicht unsere Rechnungen. :-)

 

Janko: 2006 solltet ihr drei Gigs in Neuseeland spielen. Zwei davon wurden gecancelt. Was war der Grund dafür und hat sich das dann überhaupt noch gelohnt für einen einzigen Gig? Was kannst du mir über eure Erfahrungen in Neuseeland und das Konzert, das ihr dort gespielt habt erzählen?

 

Jakob: Wir haben dort auf einem Festival gespielt und sollten noch ein paar Club Gigs dran hängen. Der Organisator des Festivals hat gleichzeitig auch die Club Gigs organisiert. Er pries das Festival als sehr viel größer an, als es im Endeffekt war. Er erwartete 15.000 Leute. Ich glaube etwa 1.500 waren letztlich da. Der Promoter verlor eine Menge Geld. Er hatte Bands aus der ganzen Welt eingeladen, die dort spielen sollten. Also cancelte er den Rest der Shows, denn ihm schwammen die Felle davon. Aber es war wirklich super das Land zu sehen. Ich will dort auf jeden Fall irgendwann wieder hin. Es gibt dort atemberaubende Landschaften und einige der freundlichsten Menschen, die ich je getroffen habe. Mit manchen stehe ich immer noch in Kontakt. Sie haben mich sogar schon in Dänemark besucht.

Janko: Welche Erfahrungen habt ihr mit Deutschland und euren deutschen Fans bislang gemacht und was haben wir von ILLDISPOSED in den kommenden 25 Jahren zu erwarten?

 

Jakob: Ich denke, das Deutschland das Land ist, in dem wir die meisten Shows spielen. Wir lieben Deutschland und die Deutschen. Schweinehaxe (O-Ton; Anm. d. Verf.) ist meine Leibspeise - es gibt nichts besseres. Ich könnte das jeden Tag essen - obwohl das sicherlich keine gute Idee wäre, haha. Jedes mal wenn ich in Deutschland bin, suche ich nach einem geeigneten Restaurant um Schweinehaxe zu essen. Ich hör jetzt besser auf, denn ich könnte den ganzen Tag darüber reden! Nächsten Monat werden wir Festivals in Deutschland spielen. Dieses Jahr haben wir ein paar gute Festivals erwischt, wie das Rock Harz, Summer Breeze, Death Fest und so weiter. Ich hoffe dort so viele wie möglich von euch zu sehen. Und was es für die nächsten 25 Jahre zu erwarten gibt? Viele Konzerte und geile Alben, wie ich hoffe! Dafür sind wir hier! Prost!

 

Janko: Ja, dann Prost und vielen Dank für deine Zeit und den Einblick rund um ILLDISPOSED!!!

 

Nun, da habt ihr es ja gelesen. Auf zu einem der vielen Festivals, um ILLDISPOSED anzufeuern. Sie haben es sicherlich mehr als verdient!!! Vielleicht trifft man Jakob Batten und seine Mitstreiter von ILLDISPOSED irgendwo rund um die deutschen Festivals, in einem Restaurant mit bayerischer Küche beim Schweinshaxe Essen...

 

www.illdisposed.dk

 

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