KETZER - Interview zu "Cloud Collider" vom 01.05.2019 mit Bassist David

 

- davon mit den Kings of Black Metal in einem Atemzug genannt zu werden, so authentisch wie möglich Genregrenzen zu überschreiten und dem logischen Schritt mal einen kompletten Song auf Deutsch zu veröffentlichen -

 

Das vierte KETZER Vollwerk "Cloud Collider" birgt seine ganz eigene, spezielle Aura, die sich ohrenscheinlich dem Minimalismus zuwendet, sich beim zweiten Gehör jedoch wie die Knospe einer Blume öffnet und einen geistanregenden Cocktail aus Düsternis, Rohheit, Härte, Atmosphäre, Groovyness, Technik, gar einer gewissen Progressivität und klassisch gehaltenem Black/Thrash, sowie reichhaltig gestalteter Heavy Metal Passagen verabreicht. Die Kölner Neo-Black/Thrasher haben mit "Cloud Collider" ihr wohl ambitioniertestes Langeisen geschaffen. Well done...und Hut ab...hier kommen KETZER!!!

 


Streetdate: 12.04.2019 / Metal Blade
Streetdate: 12.04.2019 / Metal Blade

LACK OF LIES (LOL): Am 12.04. erschien euer neues Album. Was kannst du mir über die Entstehungsgeschichte zu "Cloud Collider" berichten? Ihr habt euch erneut drei Jahre mit der Entwicklung und Ausarbeitung der neuen Songs beschäftigt...also viel Zeit, Herzblut, Kraft und Schweiß in die Muse investiert...

 

DAVID: Ich wünschte, ich könnte. Aber nach der langjährigen Arbeit an einem Album gibt es immer einen Moment, in dem man die Musik aufgenommen hat, das Artwork ist fertig, ein Großteil der Interviews ist beantwortet und dann – endlich – steht der Veröffentlichungstermin an. Ab diesem Moment sind die drei Jahre intensiver Arbeit, die kräftezehrenden Stunden im Proberaum und im Studio wie weggeblasen. Wenn es nicht so wäre, würde man wahrscheinlich nie wieder ein Album aufnehmen. Man muss diesen Prozess erstmal hinter sich lassen und vergessen können.

 

LOL: Mit dem Ergebnis dürftet ihr hochzufrieden sein! Wie wirkt sich das neue Material bislang auf die Metalwelt aus? Ihr habt neben meinem Review, sicherlich bereits einiges an positivem Feedback einheimsen dürfen!?! Gab es auch wieder negative Stimmen, wie zuletzt bei "Starless" oder sieht es dieses Mal gänzlich anders aus?

 

DAVID: Wie eigentlich zu erwarten war, sind die Stimmen dieses Mal deutlich weniger kritisch. „Starless“ war ein Album, das polarisiert hat, was uns von vornherein klar war, denn so vorhersehbar ist die „Metalwelt“ nun mal leider. Was nicht heißen soll, dass wir es uns damals zum Ziel gesetzt haben, zu polarisieren. Die Reaktionen auf „Cloud Collider“ sind bis jetzt durchweg positiv, da können wir wirklich nicht meckern.

 

LOL: In meinem Review zu "Cloud Collider" schrieb ich: „Der klassisch gehaltene Stilmix aus Black- und Thrash Metal, der alle Geschwindigkeiten mitgeht und die Attribute Atmosphäre, Groovyness, Technik, Progressivität und vor allen Dingen Authentizität in sich aufsaugt wie ein schwarzes Loch, klingt nicht zuletzt durch sein griffiges Gitarrenspiel brutal nach Old School der ersten Stunde und geht dabei schon mal dezent in die VENOM Richtung.“ Würdest du dem etwas hinzufügen oder etwas dementieren?

 

DAVID: Interessanterweise habe ich den Namen „Venom“ jetzt schon öfter in Reviews gelesen, das ist bis jetzt ein Novum für uns. Mir persönlich wäre dieser Vergleich jetzt nicht in den Sinn gekommen, aber mit den Kings of Black Metal in einem Atemzug genannt zu werden, ehrt uns natürlich.

Photo Credit: Brigitte Zobel
Photo Credit: Brigitte Zobel

LOL: Des Weiteren schrieb ich über KETZER: „Die Schwarzheimer konzentrierten sich nämlich vielmehr darauf den Spirit, die Magie, den Wahnsinn, die Tristesse und die Urgewalt des wahren Heavy Metal wieder aufleben zu lassen.“ Wie seht ihr das und war es (neben Musik zu machen, die euch gefällt) das, was ihr wolltet?

 

DAVID: Auch das ist ein gut gemeinter Satz, allerdings muss ich hinzufügen, dass es tatsächlich nie unser Ziel war, den Geist vergangener Zeiten wieder aufleben zu lassen. Spätestens ab unserem zweiten Album lautete unsere Maxime immer, sich nie zu wiederholen und so authentisch wie möglich Genregrenzen zu überschreiten. Ich verstehe Retro Bands nicht, die sich nur auf „die guten alten Zeiten des wahren Heavy Metal“ zurückbesinnen, das ist so ein grundkonservativer Gedanke, der eigentlich dem, was ich unter Heavy Metal verstehe, vollkommen widerspricht. Wir leben in der Gegenwart und die hat verdammt viel gute Musik zu bieten.

Aber nur, damit wir uns nicht falsch verstehen: Dass klassische Heavy Metal Bands wie Iron Maiden geil sind und Bands wie Sabaton der absolute Schrott, sollte wohl klar sein, haha.

 

LOL: Auf der einen Seite klingt "Cloud Collider" seltsam minimalistisch, auf der anderen Seite wiederum recht komplex. Auf jeden Fall ist es sehr variabel, facettenreich und dystopisch geworden. Man merkt dem Album auf jeden Fall das Flair und die Liebe zum Detail an. Es ist auch recht zugänglich geworden und lebt von einer Dynamik, die zwar in alle möglichen Richtungen geht, sich dennoch wie ein roter Faden durch das gesamte Album zieht. Ich denke, das alles war genau so beabsichtigt, oder?

 

DAVID: Unsere beiden Gitarristen Chris und Marius haben wirklich mit viel Liebe zum Detail an den Songs herumgefeilt und noch bis in die Studioaufnahmen hinein Kleinigkeiten hinzugefügt, mit Effekten gespielt und so weiter. Auf „Walls“ wäre zum Beispiel fast eine Trompete zu hören gewesen, die es dann im Nachhinein leider nicht auf die finale Aufnahme geschafft hat. Uns war beim Songwriting wichtig, dass die Lieder einerseits gut ins Ohr gehen, sich aber andererseits nicht zu schnell tot laufen. Es gibt viel zu entdecken.

 

LOL: Beinhaltet Album Nummer 4 ein textliches Konzept oder birgt es eine Art Kernaussage, die euch wichtig ist mitzuteilen?

 

DAVID: Bei “Cloud Clollider” war es mir einerseits wichtig, dass jeder Song inhaltlich für sich selbst steht, andererseits sollten die Texte in eine etwas persönlichere, atmosphärischere Richtung gehen. Interessanterweise haben sich dann beim Schreibprozess die Texte verselbstständigt und sich inhaltlich miteinander verbunden. Das merkt man auch an bestimmten Motiven und Redewendungen, die hier und dort immer wieder auftauchen. In einem Song wie “The Wind Brings Them Horses” geht es zum Beispiel darum, wie die Vergangenheit Einfluss auf die Gegenwart hat, “(The Taste of) Rust and Bone” behandelt daran anschließend, welche Rolle der Zufall in unserem Leben spielt. Irgendwie ist alles miteinander verwoben.

Photo Credit: Brigitte Zobel
Photo Credit: Brigitte Zobel

LOL: Ihr habt erneut mit Markus Stock in dessen Klangschmiede Studio E in Mellrichstadt aufgenommen, der ja geradezu prädestiniert für diese Art der Musik ist. Aber Laurent Teubl (CHAPEL OF DISEASE) als Aufnahmeleiter und seine Sculpt Sound Studios (welche ja quasi direkt bei euch vor der Haustür liegen) sind mir eher unbekannt. Letzterer zeigte sich für die Aufnahmen von Gitarren, Bass und Gesang verantwortlich. Was kannst du mir ansonsten hinsichtlich der Produktion und der Aufnahmen sagen? Und warum habt ihr zwei Studios aufgesucht? Wurden bei Markus nur die Drums aufgenommen oder  war er auch für den finalen Mix und das Mastering verantwortlich?

 

DAVID: Markus war auch für den finalen Mix zuständig, das Mastering wurde noch mal woanders gemacht. Zur Wahl der Studios kann ich nicht viel sagen. Ehrlich gesagt, hasse ich es, ins Studio zu gehen und habe versucht, dort so wenig Zeit wie möglich zu verbringen. Was ich aber sagen kann, ist, dass Laurent Teubl, der vielen als Sänger und Gitarrist der Death Metal Band „Chapel of Disease“ bekannt sein dürfte, ein hervorragender Produzent und zudem ein Freund von uns ist, mit dem wir schon vor den Aufnahmen zu „Cloud Collider“ einige Demo Recordings gemacht haben, die uns ein gutes Gefühl für die weitere Zusammenarbeit gaben. Markus Stock hat bereits unser zweites Album „Endzeit Metropolis“ aufgenommen – der Drumsound und Mix hat uns so gut gefallen, dass wir uns dazu entschieden hatten, diese Aufgaben wieder in seine Hände zu legen.

 

LOL: Mit euren Entwicklungsschritten und der Experimentierfreudigkeit von "Endzeit Metropolis" zu "Starless" kamen einige offensichtlich nicht ganz zurecht. Den Vorgänger hielten viele für zu lasch, vielleicht auch zu verkopft...wobei das meiner Meinung nach A immer im Auge des Betrachters liegt und B dem Künstler selbst überlassen ist...das fällt dann eindeutig unter künstlerische Freiheit. Aber war das (auch) ein Grund dafür, wieder härtere und metallischere Klänge auf "Cloud Collider" walten zu lassen?

 

DAVID: Ich glaube, es ist uns einfach wichtig, kein Album zweimal aufzunehmen. Ein zweites „Starless“ hätte keinen Sinn gemacht, dennoch wäre „Cloud Collider“ ohne dieses Album nicht zu dem geworden, was es nun mal ist.

 

LOL: Der eigentliche Opener "Keine Angst" überzeugt mit einem Mix aus deutschem, wie englischem Textgut, was richtig lässig und eingängig rüberkommt. Warum schreibt ihr nicht mehr Texte in Deutsch? Bei derartiger Musik drängt sich die relativ harte deutsche Sprache doch fast schon auf...

 

DAVID: Die erste deutsche Textzeile tauchte im Vorgänger Album auf, danach war es für mich fast schon zwingend mehr deutsche Zeilen in die Texte einzubauen. Der logische Schritt wäre ja demnach wirklich, mal einen kompletten Song auf Deutsch zu veröffentlichen. Wer weiß, was die Zukunft bringen wird!?

Photo Credit: Benedikt Schmitz
Photo Credit: Benedikt Schmitz

LOL: Die Tour mit SLAEGT hat gerade begonnen oder wahrscheinlich bereits geendet, wenn du an die Beantwortung der Fragen kommst. Was kannst du mir über die Tour, die euch nach Groß-Britannien, Frankreich, Belgien, Schweiz, Österreich und Ungarn geführt hat, über eure dänischen Kollegen von SLAEGT und die Reaktionen der Fans berichten?

 

DAVID: Die Tour mit den super sympathischen Jungs von Slaegt war überwältigend. Insbesondere die Konzerte in Olten (CH), Budapest und Berlin sind mir als drei unserer besten Konzerte in Erinnerung geblieben. Mit 16 Tagen war die Tour auch unsere längste und – obwohl ich schon vor drei Tagen nach Hause gekommen bin – habe ich mich immer noch nicht so ganz davon erholt.

 

LOL: Gab es bestimmte Vorkommnisse oder besondere Geschichten, an die du dich gerne zurückerinnern wirst? Kanntet ihr die Member von SLAEGT bereits, habt ihr euch gut verstanden und wie kam es zu der gemeinsamen Tour?

 

DAVID: Mit den Dänen von Slaegt haben wir uns sehr gut verstanden, sie sind nicht nur eine fantastische Live Band, sondern auch hinter der Bühne schwer in Ordnung. Was mich vor allem beeindruckt hat, war ihre Partyenergie. Die Jungs waren immer noch am Saufen, als ich schon längst im Bett war, haha. Wie wir genau auf Slaegt als Tourpartner gekommen sind, weiß ich gar nicht mehr. Wir haben vor einigen Jahren schon zusammen in Münster gespielt und ich glaube, dieses Konzert ist uns sehr positiv in Erinnerung geblieben...

 

LOL: In einem Interview zu "Endzeit Metropolis" habt ihr mal folgendes erwähnt: „Von unserer Musik zu leben ist, seit dem wir 12 Jahre alt sind, ein immer präsentes Ziel für uns. Dem  versuchen wir stets so nah wie möglich zu kommen.“ Wie viel näher seid ihr eurem Ziel denn in der Zwischenzeit gekommen?

Photo Credit: Brigitte Zobel
Photo Credit: Brigitte Zobel

DAVID: Eine interessante Aussage, die mittlerweile bestimmt gut sechs Jahre her ist. Ich weiß nicht, wer von uns das damals gesagt hat, aber das Thema ist definitiv schon lange vom Tisch. Damals steckten wir alle noch in Ausbildung oder Studium, mittlerweile sind wir berufstätig und unser Drummer ist seit einem Jahr sogar Vater... wie die Zeit vergeht. Die Band ist uns immer noch so wichtig wie eh und je, doch tatsächlich als Berufsmusiker zu leben scheint mir wenig erstrebenswert. 

 

LOL: Was machen KETZER eigentlich, wenn sie sich außerhalb der Band bewegen?

 

DAVID: Wahrscheinlich dasselbe wie jeder andere auch: Arbeiten, Zeit mit Freunden und Familie verbringen, Bier trinken, über die Weltherrschaft nachdenken etc. Ein paar von uns sind in eher künstlerisch/kreativen Berufen tätig, ein paar in etwas bodenständigeren Bereichen. Wir verbringen auch viel Zeit miteinander außerhalb des Proberaums und sind so etwas wie eine kleine Familie. Ich kenne unseren Gitarristen Marius zum Beispiel schon seit dem Kindergarten, Chris und Gerrit habe ich in der 7. Klasse kennengelernt und auch unserem Drummer Sören kenne ich nun seit über zehn Jahren. Wir sind nicht nur über Ketzer sehr innig miteinander verbunden.

ALCEST und KETZER am 31.05.2019 im Musiktheater Piano / Dortmund
ALCEST und KETZER am 31.05.2019 im Musiktheater Piano / Dortmund

LOL: Was ist für die nähere und fernere Zukunft geplant? Nach der Tour erst mal Urlaub machen oder geht es gleich voll im Stress weiter?

 

DAVID: Das letzte dreiviertel Jahr war mit Studioaufnahmen, Planungen für z. B. unseren ersten Videoclip zu „Keine Angst“ und den Vorbereitungen zur Tour komplett vollgepackt. Jetzt atmen wir erstmal aus, dann geht es Ende des Monats weiter mit einem Konzert in Dortmund mit „Alcest“. (siehe nebenstehende Konzertankündigung)

 

LOL: Vielen Dank, dass ihr euch die Zeit genommen habt, meine Fragen zu beantworten. Ich wünsche euch viel Spaß auf der „Black Bombs and Storm Clouds“ Tour mit SLAEGT und dass sie euch, wie auch euren Fans auf positive Weise nachhaltig in Erinnerung bleibt!

 

http://www.ketzer-official.de/

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Das meint LACK OF LIES zu "Cloud Collider"!

 

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 No Stories Left (OFFICIAL LYRIC VIDEO):

 The Wind Brings Them Horses (OFFICIAL LYRIC VIDEO):