KRISIUN - Interview vom 08.01.2016 mit Max Kolesne

 

- vom Ausarbeiten eines guten Metalsongs, purer Wut und Raserei, einer loyalen Anhängerschaft und dem Fluss des klaren Wassers -

 

Ihr 25-jähriges Jubiläum feierten die Gebrüder Kolesne mit ihrem mittlerweile elften Extremeisen „Forged In Fury“, aus dem man einen richtig schönen Hassbatzen in technischer Perfektion geschmiedet hat. In Wut geschmiedet und mit Hass gekocht!!! Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich nie so wirklich tief into KRISIUN war und mich mehr auf andere Bands konzentrierte. „Forged In Fury“ erstaunte und überzeugte mich jedoch recht schnell und belehrte mich eines Besseren, hier durchaus mal genauer zuzuhören. Brutaler, schnörkelloser und oftmals kompromissloser, technisch einwandfreier Death Metal, mucho Blastbeatorgien bis zum happy end, all das sind die Trademarks des brasilianischen Deathinfernos anno 2015. Was lag da näher, als bei KRISIUN einmal nachzuhaken, was es denn neues aus dem brasilianischen Metalcamp zu berichten gäbe. Schlagwerker Max Kolesne beantwortete meine Fragen kurz vor Silvester und hielt interessante Antworten parat.

Janko: Als erstes möchte ich euch zu eurem genialen neuen Album gratulieren. Es ist sehr intensiv, aber auch variabel, facettenreich und geradeheraus. Was waren die wichtigsten Eindrücke, während ihr an „Forged In Fury“ gearbeitet habt? Hattet ihr bereits ein komplettes Konzept bevor ihr das Studio geentert habt oder wie muss ich mir KRISIUNs Herangehensweise an ein neues Album vorstellen?

 

Max: Hauptsächlich trafen wir drei uns in unserem Proberaum, begannen ein wenig zu jammen und auf ganz natürliche Weise Songs, anhand eines Gitarrenriffs oder eines Schlagzeugparts entstehen zu lassen. Alles was wir brauchen ist ein deftiges Intro, ein erstes Riff, dann folgen wir dem Flow und beginnen die Parts zusammenzusetzen. Wir versuchen einen guten Metalsong auszuarbeiten der uns gefällt. Kein großes Geheimnis, nur pures Gefühl und Raserei. Wenn die Songstruktur steht, üben wir den Song viele viele male, tagelang, um sicher zu gehen dass wir gut vorbereitet ins Studio gehen. Wenn wir dann das Studio entern, haben wir 100% unserer Songs und Texte zusammen, nur noch ein paar Details, Arrangements und kleinere Parts können sich während den Aufnahmen noch ändern.

 

Janko: Wie kam euer neuer Output zu seinem Namen?

 

Max: Den Titel zu finden war recht einfach…ich denke, wenn du dir das Album anhörst, ist das erste dass dir in den Sinn kommt, die pure Wut und Raserei. KRISIUN ist in Wut geschmiedet.

 

Janko: Hattet ihr viel Spaß oder ist es eher in Arbeit ausgeartet?

 

Max: Wir hatten definitiv viel Spaß mit der Arbeit am Album. Vom Schreibprozess an bis hin zum finalen Mix. Es ist natürlich auch ne Menge Arbeit. Im Studio wird dir mental und physisch eine Menge abverlangt, deswegen proben wir so viel und wenn es dann ans Aufnehmen geht, sind wir zu allem bereit.

 

Janko: Wie ist es mit Erik Rutan zu arbeiten? Wie lange arbeitet ihr schon mit ihm? Ich glaube, ihr kennt euch schon ziemlich lange, oder?

 

Max: Erik ist unser Kumpel, er ist ein klasse Typ und sehr talentiert. Wir kennen uns nun seit 1999, als er „Conquerors Of Armageddon“ mit Andy Classen co-produzierte. Danach haben wir hintereinander weg drei Alben mit Andy in den Stage One Studios in Deutschland aufgenommen. Andy hat eine Wahnsinnsarbeit geleistet, aber nach drei Alben am Stück mit dem selben Produzenten, im selben Studio dachten wir, wir sollten etwas anderes ausprobieren und der erste, der uns eingefallen ist, war Erik Rutan. Mit dem Endergebnis waren wir absolut zufrieden. Dieses Album klang absolut natürlich, roh und echt, gleichzeitig aber auch rein.

 

Janko: Habt ihr schon Charteinstiege verbuchen können und wenn dem so ist, interessiert das euch eigentlich?

 

Max: Yeah, „Forged In Fury“ hat es in die Media Markt und die Saturn Charts geschafft. Das war eine Riesenüberraschung für uns. Wir sind definitiv sehr froh darüber. Ich meine es bedeutet, dass die Metalheads Spaß an unser Album haben.

 

Janko: Im Juni und im August wart ihr auf Europa (hauptsächlich Festival) Tour. Welche Eindrücke kommen euch in den Sinn, wenn ihr an den Sommer zurückdenkt? Welche Fans sind die besten in Europa oder sagen wir besser, in welchen Ländern spielt ihr am liebsten?

 

Max: Die Sommer Tour in Europa war wie immer sensationell, wir hatten einen Mordsspaß. Es ist nahezu unmöglich zu sagen, welches das beste Land ist…es ist eigentlich egal wo wir auftreten, kleine Veranstaltungen oder große Festivals, eine Horde unserer Fans ist vor Ort und feiert uns ab. Wir können froh sein, eine solch loyale Anhängerschaft zu haben und überall wo wir spielen, gibt es Leute die bei der Musik total durchdrehen. Festivals sind von daher klasse, dass wir dort ne Menge Freunde von anderen Bands treffen. Im Endeffekt landen wir immer im Backstage Bereich und besaufen uns.

 

Janko: Anschließend habt ihr im September und Anfang Oktober Nord Amerika mit euren brutalen Shows unsicher gemacht. Was kannst du ihr mir hinsichtlich dieser Tour und ihren einzelnen Events sagen? Kommt dir etwas Besonderes in den Sinn, wenn ihr an diese Tour zurückdenkt?

 

 

Max: Oh, diese Tour in Nord Amerika war eine der Besten, die wir jemals abgeliefert haben, nur brutale Bands und klasse Leute. Auch wenn KRISIUN und ORIGIN „Headliner“ waren, gab es keine Rock Star Attitüden. Die ganzen anderen Bands AEON, ALTERBEAST, SOREPTION und INGESTED hatten die gleichen Rechte ihr Equipment auf der Bühne zu platzieren. Wir halfen uns jede Nacht gegenseitig, das Schlagzeug auf der Bühne aufzubauen, Ausrüstung auf und von der Bühne zu tragen und die Trailer aus- und einzuräumen. Es war harte Arbeit, brutale Shows, Freundschaft, Spaß und viele, viele und noch viel mehr kalte Biere…ein Haufen Clowns die sich betranken und abfeierten.  

Janko: Ich habe gelesen, dass ihr euren Bandnamen dem Mondkrater „Mare Crisium“ entliehen habt, was so viel wie „Meer der Scheußlichkeiten“ bedeutet. Woher kam diese Idee?

 

Max: Ja, wir waren schon immer daran interessiert mehr über die Sterne und Planeten unseres Universums zu erfahren. Speziell der Mond ist immer da, beobachtet uns und bekommt alles mit, was wir machen. Wir hatten ein Buch mit Karten von Planeten, darin haben wir über das „Mare Crisium“ erfahren.

 

Janko: Ihr seid jetzt ein viertel Jahrhundert dabei. Was sind die denkwürdigsten Geschichten, die dir einfallen, wenn du über diese 25 Jahre nachdenkst? Habt ihr dieses Jubiläum exzessiv abgefeiert und haben eure Fans weitere 25 Jahre KRISIUN zu erwarten?

 

Max: Man, jede Show ist unvergesslich, jede einzelne Show die wir spielen, ist wie unsere Letze, wir feiern in jeder Show, jeden Moment auf der Bühne und auch danach, wenn wir mit unseren Metalbrüdern sprechen, die unsere Shows besuchen. Für mich ist die Bühne heiliger Boden, dort findet die wahre Magie statt und wir sind sehr glücklich darüber, die Möglichkeit zum Touren zu haben und rund um den Globus Shows zu spielen. Ich weiß nicht wie lange wir noch weitermachen…aber ich kann dir sagen, dass wir uns richtig gut fühlen, wir sind voller Energie und unser Hauptziel besteht darin, die Musik zu spielen, die wir lieben und nicht ein Album nach dem anderen zu veröffentlichen.

 

Janko: Ihr seid ja drei Brüder. Habt ihr noch mehr Geschwister und wenn dem so ist, sind sie auch im Musikbusiness tätig?

 

Max: Wir haben Halbbrüder und -Schwestern. Eigentlich war es unser ältester Bruder, der uns die Rock Musik näher gebracht hat. Er hatte AC/DC, ZZ TOP, DEEP PURPLE Alben und wir haben uns direkt in diese Musik verliebt. Er spielt keine Instrumente, aber er liebt immer noch harte Musik.

 

Janko: Was würdest du sagen sind die Hauptunterschiede, die Vor- oder Nachteile zwischen einer Band, die komplett aus Brüdern besteht und einer Band, die „nur“ Freunde sind? Macht es das Arbeiten leichter oder eher schwerer?

 

 

Max: Ich denke, dass wir eine Band aus drei Brüdern sind hilft ungemein. Wir sind zusammen aufgewachsen, haben Dinge geteilt und in einer Band zu spielen hat viel mit Teilen zu tun. Du musst im Team mitspielen. Wir waren immer beste Freunde, schon seit der Schulzeit. Weißt du, wenn auch immer ich in Schwierigkeiten geriet, waren meine Brüder da und haben mich verteidigt. Es war immer so, wir beschützen einander, wir kämpfen füreinander, wir bleiben zusammen, gemeinsam sind wir stärker. Natürlich haben wir auch unsere Meinungsverschiedenheiten und Auseinandersetzungen, aber wir diskutieren das als Erwachsene aus und halten diesen ganzen Bullshit dabei raus.

Janko: Was bedeutet es in Brasilien zu leben, speziell in eurer Geburtsstadt Ijuí. Ich las, dass es eine noch recht junge Stadt ist und ihr Name „reines Wasser“ bedeutet. Weißt du, warum sie so genannt wurde? Ist das Indio Sprache?

 

Max: Ijuí ist eine sehr kleine Stadt. Wie in jeder kleinen Stadt rund um die Welt gibt’s dort nicht viel, was man machen kann. Ihr Name stammt aus der Sprache der indianischen Guaraní und bedeutet „Fluss des klaren Wassers“. Es hat eine hohe Population an europäischstämmigen Nachkommen. Hauptsächlich von Deutschen, Österreichern, Polen etc. Wir hatten eine wirklich gute, unbeschwerte Kindheit, haben Fußball in den Feldern oder auf der Straße gespielt, sind in den Flüssen, die es hier rund um die Stadt gibt geschwommen, haben geangelt, gejagt und sind in der Schule immer wieder in Streitereien geraten.

 

Janko: Ihr lebt mittlerweile in Saõ Paulo. O.k., da ist natürlich alles viel größer, aber was sind die Hauptunterschiede und die Vor- und Nachteile dort zu leben?

 

Max: In Saõ Paulo ist alles anders. Die Stadt ist hektisch, überlaufen und weitaus gefährlicher. Wenn du Kinder hast, musst du sie immer im Auge behalten und wissen wo sie sich rumtreiben. In Ijuí konnte ich mit meinem Fahrrad überall hin wo ich wollte, meine Eltern brauchten sich keine Sorgen zu machen. Ich würde sagen, dass es ein großer Vorteil war, in Ijuí aufzuwachsen, aber wenn du älter wirst und deine Träume verwirklichen willst, speziell für eine Band wie die unsere, ist es wichtig in einer Stadt wie Saõ Paulo zu leben, wo du einfach die besseren Möglichkeiten und die besseren Überlebenschancen hast, um dich professionell weiterzuentwickeln. Hier ist der Ort, an dem alles zusammenläuft, die Szene ist weitaus größer. Hier können wir uns voll auf die Band konzentrieren. Wir arbeiten hart, denn es macht keinen Sinn in einer Stadt wie Saõ Paulo zu leben, wenn du nicht die richtige Einstellung zur Arbeit hast und dich nicht voll und ganz dafür hingibst. Hier haben wir Umweltverschmutzung, abartig viel Verkehr, eine hohe Verbrechensrate, zu viele Leute und das Leben hier ist teuer. Aber für den Moment ist es der richtige Platz für uns.

 

Janko: Gibt es spezielles hinsichtlich der dortigen Metalszene?

 

Max: Oh ja, die Metalszene hier ist fantastisch. Jede Metalband liebt es, hier in Saõ Paulo aufzutreten. Normalerweise sind die Reaktionen immer überwältigend. Die Metalgemeinschaft ist hier ziemlich groß und die Leute lieben fuckin‘ Metal wie eine Religion.

 

Janko: Interessiert ihr euch für Fußball? Was sagt ihr zum 1:7 gegen Deutschland vor einem Jahr, als Brasilien die Weltmeisterschaft austrug? Oder habt ihr das bereits verdrängt? J

 

Max: Hahahaha, ich liebe Fußball man…kein Wort über die Weltmeisterschaft…das deutsche Team hat es absolut verdient zu gewinnen und Brasilien zu schlagen. Das deutsche Team hatte keine Rock Stars, jeder spielte für das Team, sie haben den Ball schön hin und her gepasst, intelligent gespielt…das brasilianische Team war ein Fiasco, diese Typen werden wie Topstars behandelt, wollen gut aussehen, sie denken sie sind Rock Stars. Sie haben sich diesen 1:7 Arschtritt redlich verdient, hahahaha.

 

Janko: In der englischen Version von Wikipedia seid ihr an Platz 1 unter dem Topic „famous natives“ gelistet. In der deutschen Version hingegen, seid ihr unter „sons and daughters of the city“ nicht einmal aufgeführt. Wie werdet ihr diese ernsthaften Missstände künftig beseitigen? J

 

Max: Man,…darauf geb‘ ich einen verdammten…hahaha ich brauch jetzt mein Bier…Pass auf dich auf man, ich hoffe wir sehen uns auf einer Show in Deutschland nächstes Jahr. Und danke für die netten Worte und den Support. Hail brothers of Metal.

 

 

Na dann mal Prost, Max und KRISIUN! Immerhin ist es schon fast zwei Jahre her, dass ich KRISIUN das letzte Mal live gesehen habe. Damals waren sie mit KATAKLYSM und FLESHGOD APOCALYPSE unterwegs. Na, dann bin ich mal auf das Package für die nächste Europatour gespannt!

 

Dieses Interview erschien im aktuellen Totentanz Magazin Heft Nr. 27

114 Seiten Metal mit Grave Digger, Avatarium, Venom Inc., Krisiun, Exumer, Secrets of the Moon, Ketzer, Mad Max, Raven, Tau Cross, Borknagar, Entombed A.D., Raise Hell, Girlschool, In Extremo, Master, Die Krupps, Gammaray, Roxxcalibur, Gama Bomb, Utmarken, Death Dealer and many more! Behind the Scenes: Metalbörse, Four Aces Underground Special, etc.!

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