LEWIS CARROLL - Alice hinter den Spiegeln

 

"Alice hinter den Spiegeln", im Prinzip der zweite Teil des Bestsellers "Alice im Wunderland", kann unabhängig von seinem Vorgänger und Welterfolg gelesen werden. Es gibt zwar gewisse Parallelen zum Wunderland, aber keinen speziellen Handlungsstrang, auf dem die Welt hinter den Spiegeln aufbaut. Dieses mal nicht in einen Hasenbau geplumpst, findet sich die siebeneinhalbjährige, stets verträumte und phantasievolle Alice dieses Mal alsbald in dem Haus hinter dem Spiegel wieder, durch welchen sie zuvor höchstselbst gestiegen war. Von den Gedanken angetrieben, ob die dort im Winter Feuer machen, - denn nie weiß man das, außer wenn unser Feuer qualmt, dann qualmt es in diesem Zimmer auch und ihre Bücher sind eigentlich so wie unsere, nur dass die Wörter verkehrt herum laufen -, entscheidet sich die kleine Alice das Abbild der Räumlichkeit, die sie im oder besser gesagt hinter dem Spiegel sieht, einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Das Haus hinter dem Spiegel ist im Prinzip das gleiche Haus, wie das vor dem Spiegel in dem die träumerische Alice lebt, nur ist dort eben alles andersrum. Die Uhr auf dem Kaminsims hat das Gesicht eines kleinen, alten Mannes, der sie angrinst, Schachfiguren laufen paarweise herum, Alice kann die Treppe hinunterschweben, indem sie das Treppengeländer mit nur zwei Fingern berührt, sie spricht mit Blumen, rennt ohne wirklich voranzukommen, bekommt einen trockenen Keks gegen den Durst, unterhält sich mit Schachfiguren und wird letztlich als Bauer selbst ein Teil eines denkwürdigen Schachspiels. Die 1871 verfasste Story klingt schwer nach einem LSD Trip, obschon dieses halluzinogene Sorgenkind erst 72 Jahre später von den Chemiker Albert Hofmann entdeckt wurde. Lewis Carroll soll laut eigener Aussage jedoch so gar nichts mit Drogen am Hut gehabt haben, was sich aufgrund seines surrealen Nonsens-Erzählstils allerdings kaum glauben lässt. Seine Bekannten hatten wohl des Öfteren Opium geraucht und selbiges in Form von Laudanum zu sich genommen, wie man aus verschiedenen Quellen entnehmen kann. Er selbst, als Kinderbuchautor wollte sich sicherlich nichts dergleichen nachsagen lassen. Die äußerst skurrile und bizarre Geschichte spielt mit der Phantasie des Lesers, entführt selbigen in eine Welt ohne wirklichen Sinn. Die kleine Alice stolpert von einer "Handlung" zu nächsten und wird mit Wortspielen, Wortfindungen oder Zusammensetzungen aus mehreren Worten konfrontiert und nicht zuletzt dadurch immer verwirrter. Sonderbare Begegnungen mit sprechenden Tiere, wie Ziegenböcken, Schafen, Insekten, die bereits erwähnten, sprechenden Schachfiguren, die Brüder Tweedledum und Tweedledee, ein strickendes Schaf, dass Ei Humpty Dumpty, den Löwen und das Einhorn, um nicht noch weitere zu nennen, tun ihr Übriges. Nonsensunterhaltung reiht sich an Nonsensunterhaltung, was die verträumte Alice durch die Aussagen der seltsamen Figuren immer wieder vor den Kopf stößt. Im Laufe der 158 Seiten werden Alice viele Gedichte vorgetragen, deren Sinn sich wegen Sinnfreiheit nicht erschließt kann. Nicht nur für Kinder wirft dieser literarische Humbug sicherlich interessante Gedanken und Fragen auf. Obschon nur sechs Jahre danach erschienen, hat "Alice hinter den Spiegeln" wenig Bezug zum Vorgänger "Alice im Wunderland" und schon gar keinen zu den Verfilmungen von Tim Burton. Hier handelt es sich auch lediglich um Adaptionen der beiden Geschichten, die nur in ihren Grundzügen erhalten blieben. Aufgrund der völligen Sinnfreiheit der beiden Texte von Lewis Carroll fällt es mir wirklich schwer, diese vernünftig einzuordnen und ihnen eine gewisse Unverzichtbarkeit zu attestieren.

 

Meine Wertung: 72/100

 

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