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POSSESSED - Interview zu "Revelations Of Oblivion" vom 10.05.2019 mit Jeff Becerra

 

- vom fröhlichen und sprunghaften Backbeat des 80er Thrashs, dem lebenslangen Kampf nicht als Thrash, sondern als Death Metal Band wahrgenommen zu werden, davon die Plattenfirma zurückzuhalten, nicht einfach bereits das Demo zu veröffentlichen, einer Art Selbstmord auf Raten in einem schlechten wissenschaftlichen Experiment, vom Spielfilm über Jeffs Lebensgeschichte und POSSESSED, sowie einem Drei-Platten-Vertrag mit Nuclear Blast -

 

Vor weit über 37 Jahren kamen die jungen Musiker Mike Torrao (Lead Guitars), Mike Sus (Drums), Brian Montana (Guitars) und Jeff Becerra (Vocals, Bass) in San Francisco, Kalifornien zusammen. Sie wollten die schnellste, brutalste und satanischste Band des Planeten werden. POSSESSED waren geboren und mit ihnen ein komplettes Genre, das bis zum heutigen Tage überleben sollte. Natürlich konnten sie zu diesem Zeitpunkt, als sie ihr Demo "Death Metal" - von dem sich dann auch die Genrebezeichnung Death Metal ableitet - aus dem Jahre 1984 veröffentlichten, nicht wissen, dass sie damit die unvergleichliche Ära des Death Metal einläuten würden. Seit über 35 Jahre ein oft totgeglaubtes, aber immer wieder erstarktes Genre. Und ob sich nun Chuck Schuldiner (DEATH) von POSSESSED oder Jeff Becerra von Chuck Schuldiner inspirieren ließ, war letztlich Nebensache. Das einzige was zählte: Man zog am gleichen Strang! Fakt ist jedenfalls, dass sich Schuldiner in jungen Jahren an Becerra wandte und ihn fragte, ob es Jeff etwas ausmachen würde, wenn Chuck für seine Musik ebenfalls die Bezeichnung Death Metal verwenden würde, was für Jeff allerdings kein Problem darstellte.

 

Man kann POSSESSEDs Einfluss auf nachfolgende Bands rund um den Globus und das Genre an sich wohl kaum genügend würdigen. Leider war 1987 zunächst wieder Schluss mit dem diabolischen Sündenpfuhl, denn ihr Aufstieg ging rasend schnell und den Teenagern wuchsen die Aufgaben, sowie Band- und Tour-Verbindlichkeiten alsbald über den Kopf. An einer kurzen, von Gründungsmitglied Mike Torrao eingeleiteten Re-Union im Jahre 1990 (bis 1993) konnte sich Jeff jedoch nicht beteiligen, was ihn sehr schmerzte. Selbiger lag zu besagtem Zeitpunkt aufgrund zweier Schussverletzungen im Krankenhaus. Als sich Jeff nämlich ein paar Wochen zuvor auf dem Nachhauseweg von einem 13-Stunden-Arbeitstag befand - er arbeitete zu der Zeit als Betonbauer - und anhielt, um sich mit einem 100-Dollarschein ein Päckchen Camel zu holen, standen plötzlich zwei maskierte Gangster vor ihm, die Jeff auf offener Straße unter vorgehaltener Waffe zur Herausgabe seines Geldes aufforderten. Jeff, zu diesem Zeitpunkt kein Kind von Traurigkeit, kam der Aufforderung jedoch nicht nach und werte sich mit Leibeskräften. Daraufhin setzte einer der Täter seine 9 mm Handfeuerwaffe oberhalb Jeffs linker Brust auf und drückte ab. Das Geschoss traf die Rippen, deren Knochen zum Teil in die Lunge eintraten, wanderte von dort aus Richtung Wirbelsäule, wo es verheerender Weise im Wirbel T3 stecken blieb und eine irreparable Lähmung Körper-abwärts auslöste. Der zweite Täter stand etwa fünf Meter abseits und feuerte ebenfalls auf Jeff, der seinen rechten Arm als Folge einer Abwehrreaktion vor sein Gesicht hob. Das Geschoss traf den Ringfinger seiner rechten Hand, klappte selbigen zurück und das Blut spritzte nur so heraus wie in einem Monthy Python Film, weswegen sich Jeff heute nicht mehr länger dem Bass, sondern lediglich dem Gesang widmet. Hätte Jeff die Reaktion des zweiten Schützen nicht geahnt, wäre dessen Kaliber 22 Geschoss wohl in seine Stirn eingedrungen. Dass Jeff den Angriff überhaupt überlebte, war lediglich dem glücklichen Umstand zu verdanken, dass die Kleinkaliber-Waffe des zweiten Täters Ladehemmungen hatte. Selbiger richtete seine Waffe auf Jeffs Kopf und versuchte mehrfach abzudrücken. Als das nicht funktionierte, schlug er wiederholt gegen seine Waffe, deren Schlagbolzen jedoch glücklicherweise nicht auslöste. Als die beiden Täter anschließend das Weite suchten, feuerten sie weitere Geschosse über ihre Schulter hinweg, auf den am Boden liegenden Jeff. Die Kugeln trafen links- und rechtsseitig seines Körpers auf den Boden. Erst 45 Minuten später - Jeff hatte sich anfangs tot gestellt und sich anschließend unter einem Volvo versteckt, rief eine junge augenscheinlich drogenabhängige Frau nach gutem Zureden und der Aushändigung eines 10-Dollar-Scheines die Polizei. Weitere 45 Minuten später konnte der junge, total überforderte Officer absolut nicht fassen, dass er es bei seiner ersten Streife mit einem Schussopfer zu tun bekommen würde. Es war das allererste Mal, dass Jeff froh war die Polizei zu sehen.

 

Die lebende Death Metal Legende Jeff Becerra sitzt seit diesem tragischen Vorfall im Rollstuhl. Es brauchte Jahre der Rehabilitation, Auseinandersetzung mit seinem Schicksal und des Kampfes zwischen „weiter machen“ oder „endgültig einen Schlussstrich“ ziehen. Erst im Jahre 2007, knapp 18 Jahre nach dem Überfall fühlte sich Jeff Becerra (eigentlich Jeffrey Benjamin Becerra Sr.) in der Lage, die Arbeiten und Angelegenheiten rund um POSSESSED wieder aufzunehmen. Das Bassspielen gab er aufgrund seiner Handverletzung jedoch endgültig auf. Nachdem ihn in der Vergangenheit immer wieder Fans dazu ermunterten, POSSESSED wieder aufleben zulassen und ihm ihren Support zusagten, ließ sich Jeff breitschlagen und versuchte es zuerst mit einigen sehr erfolgreichen Konzerten in den USA. Ein Auftritt auf dem 2007er Wacken Open Air, das 2009er Maryland Deathfest, sowie die 2010er "Blackest Of The Black Tour" (durch die Vereinigten Staaten mit DANZIG als Headliner und den weiteren support acts MARDUK, TOXIC HOLOCAUST und WITHERED) folgten. Letztlich dauerte es jedoch weitere zwölf Jahre, bis Jeff mit dem momentanen Line-Up: Robert Cardenas am Tieftöner, den beiden Gitarristen Daniel Gonzalez, sowie Claudeous Creamer und Schlagzeug-Virtuose Emilio Marquez den richtigen Zeitpunkt gekommen sah, ein neues Album aufzunehmen. Nun sind die sagenumwobenen Großmeister des early Death/Thrash nach Jahrzehnten der Abstinenz mit ihrem dritten Longplayer zurück. "Revelations Of Oblivion" erschien am 10.05.2019 weltweit via Nuclear Blast. Das 54:10 Minuten sägende Meisterwerk ist ein eindrucksvoll ineinander greifendes Konglomerat aus Death und Thrash Elementen, das so richtig schön dreckig, todernst, kompromisslos, sadistisch und absolut endgültig klingt. Ein Album mit Charme, Flair und Attitüde, das neben den genannten Attributen vor allen Dingen Melodie, Eingängigkeit und Technik für sich beansprucht. Wenn das mal kein guter Grund ist, Jeff Becerra, einen wirklich äußerst sympathischen, intelligenten und aufgeschlossenen Gesprächspartner, der auch vor persönlichen Fragen nicht zurückschreckt und diese ehrlich, frei und ohne zu zögern beantwortet, höchstpersönlich am Veröffentlichungstag seines, mit höchster Spannung erwarteten "Comeback-Albums" in seinem zu Hause in San Francisco, Kalifornien anzurufen. Pünktlich um 10:00 Uhr Ortszeit nahm ein gut gelaunter, gerade an der PlayStation zockender Jeff ab und stellte sich in einem über 50-minütigen Gespräch meinen Fragen.

Streetdate: 10.05.2019 / Nuclear Blast
Streetdate: 10.05.2019 / Nuclear Blast

LACK OF LIES (LOL): Hey Jeff, hier ist Janko von LACK OF LIES am Phone.

 

Jeff: Hey Janko, wie geht es dir?

 

LOL: Bei mir ist soweit alles o.k. und bei dir?

 

Jeff: Ebenfalls alles gut. Ich bin gerade ein bisschen Video Poker auf der PlayStation am zocken. Das macht richtig süchtig. Das ist so ein Four Kings Casino. Da geht es zwar nicht um echtes Geld...also, du musst schon Chips kaufen um damit spielen zu können, aber das macht Spaß. Ich meine, du kannst verschiedene Outfits gewinnen. Wenn du genug Geld gewinnst, kannst du dir einen Tiger kaufen. Dann läufst du mit einem Tiger durchs Casino. Oder du kaufst dir ein abgefahrenes Appartement und Möbel und kannst das alles nach deinem Belieben einrichten...und Autos...ja, das ist echt lustig! Ich meine, du spielst bis sechs Uhr morgens und wenn du wieder online gehst, sind immer noch dieselben Leute da. Es ist wie eine niedere Ebene der Hölle, wo die Leute verflucht noch mal süchtig nach Glücksspiel sind. Sie sind da drin und spielen sich den Arsch ab für Fake Geld. Glücksspiel ist so zwanghaft. Das ist vergleichbar mit Rauchen oder Ficken. Die Leute sind total abhängig von diesem Spiel. Mir macht das Spaß. Ich zocke für ein paar Stunden und belasse es dabei.

 

LOL: Zocken ist irgendwie so gar nicht mein Ding. Früher mal, aber mittlerweile setze ich da andere Prioritäten. Musik hören oder mit meinen Hunden unterwegs sein. Jeff, ich möchte dir zunächst ein mal zum Hammer-Output "Revelations Of Oblivion" gratulieren. Es ist das perfekte "Comeback-Album". Das Ganze natürlich in Anführungszeichen, da du im Prinzip ja bereits seit 2007 wieder zurück bist. Und es ist heute veröffentlicht worden. Ich schätze mal, du bist sehr stolz darauf.

 

Jeff: Ich sehe es nicht wirklich als Comeback an, aber ich bin in der Tat sehr stolz darauf. Und ja du hast schon recht, ich hatte wieder Blut geleckt und es hat mich rasend gemacht. Es ist schon eine Art episches Comeback. Aber so habe ich es eigentlich nie gesehen. Ich sehe es eher als eine fortlaufende Geschichte, aber du hast auch irgendwie recht. Ich meine das Ganze reicht schon so weit zurück, da ist schon was Wahres dran. Das ist mir in der Art aber nie wirklich in den Sinn gekommen. Es ist alles schon so lange her, es fühlt sich episch und wirklich toll an, das Album endlich rausgebracht zu haben. Es scheint allgemein gut anzukommen und wir sind glücklich, aber auch schrecklich aufgeregt. Das ist wie mit allen emotionellen Dingen. Alle Gefühle prasseln auf einmal auf dich herein. Ich hoffe, es kommt gut an und jeder ist happy damit.

 

LOL: Ich für meinen Teil bin es! Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass ihr ein dermaßen geiles Death/Thrash Album rausbringen würdet. Tendenziell würde ich es fast schon als Thrash Album bezeichnen. Du wohl eher nicht...

 

Jeff: Ich weiß, dass der Old School California Death Metal eher ungewöhnlich ist. Du musst aber bedenken, dass wir die erste Death Metal Band waren. Hör dir mal egal welche 80er Thrash Album Compilation auf Youtube an, wie fröhlich und sprunghaft deren Backbeat im Vergleich zum Death Metal klingt, der sehr viel geradliniger und wesentlich böser aufgebaut ist. Viele Leute verwechseln Thrash Metal mit der Richtung, die ich mit Chuck eingeschlagen habe oder mit dem New York Style. Es gibt so viele verschiedene Bezeichnungen und der California Death Metal ist schon deutlich thrashlastiger. Aber er hat immer noch die satanischen Texte und alles andere, als diese fröhlichen, sprunghaften Backbeats. Die Overtones sind allgegenwärtig. Die Leute vergleichen diesen mit jenem Death Metal und meinen so müsse er sich anhören, aber das ist nicht wahr. POSSESSED definieren sich entschieden als Death Metal Band. Wir werden unseren Stil nicht ändern, nur um besser zum späteren Death Metal zu passen. Warum sollten wir das machen? Das wäre, wie wenn wir jetzt anfangen würden Black Metal zu spielen. Aber das stört mich jetzt nicht großartig. Aber es ist ja auch keine Beleidigung als Thrash Metal Band bezeichnet zu werden. Es ist für uns schon ein lebenslanger Kampf nicht als Thrash, sondern als Death Metal Band wahrgenommen zu werden. Eine Menge Leute wollen uns nicht als Death Metal anerkennen und schieben uns in die Thrash Metal Ecke, aber wir definieren uns nun mal als Death Metal Band.

 

LOL: Im Endeffekt ist die Schubladisierung doch auch gar nicht so wichtig. Zumal Death Metal ja auf Thrash Metal aufbaut...

 

Jeff: Ja, er kommt vom Thrash, vom Punk und vom Black Metal und aus dem Individualismus eines verrückten Kids.

Photo Credit: Hannah Verbeuren
Photo Credit: Hannah Verbeuren

LOL: Im Endeffekt gibt es heute so viele verschiedene Variationen des Death Metal...

 

Jeff: Ja, das stimmt schon. Es ist eines der aufregendsten und meist ausgearbeiteten Genres der Welt. Vergleichbar mit dem goldenen Zeitalter des Jazz, da gibt es so viele Möglichkeiten. Wir sollten dies auch so annehmen. Ich bin da recht offen. Es gibt so viele verschiedene Ansichten darüber, was Death Metal ist und was nicht.

 

LOL: Welche Reaktionen hat das neue Album, das wie gesagt heute erschienen ist, bisher ausgelöst?

 

Jeff: Die Leute sind begeistert. Ich hoffe, wir verkaufen die Boxsets aus, aber das sind limited editions. Die Leute fragen: „Was? Es gibt immer noch Boxsets?“ Die sind auf 666 Stück limitiert. Ich weiß nicht, warum sie nur so wenige gemacht haben. Wenn sie ausverkauft sind, sollten sie neue produzieren. Im Grunde kann ich mich nicht beschweren. Ich dachte nicht, dass es so gut ankommt. Das ist wirklich eine Überraschung. Ich bin total begeistert, so richtig baff. Es ist verrückt, eine komplett andere Welt in diesen Tagen.

 

LOL: Ihr habt euch doch sicherlich gedacht, dass es gut ankommen würde, schließlich habt ihr diesen harschen, rohen, okkulten, aber immer noch melodischen Sound mit rüber bis ins Jahr 2019 genommen. Ich nehme mal an, das ist auch genau das, was ihr wolltet.

 

Jeff: Ja, es ist lediglich ein bisschen besser arrangiert und ausgereifter. Ich will jetzt nicht zu heißblütig oder angeberisch klingen, aber damals war POSSESSED die härteste Band der Welt. Also, warum sollten wir das noch mal machen? Zum einen ist das mittlerweile unmöglich. Metal hat längst den Punkt des „White Noise“ überschritten. Das würde keinen Sinn ergeben. Ich dachte, wir versuchen es etwas aufzustylen, einfach gute Musik zu machen und mit dieser Scheiße aufzuhören, die die Leute nicht genießen können. Spiel die richtigen Pässe, beiß die Zähne zusammen und schmeiß die Stimmung über Bord, die sich nicht für ein Album auszahlt. Fühl dich wie dein Fan. Ich möchte etwas machen, das überlebensfähig ist. Etwas, das die Leute genießen können. Der größte Faktor in diesem Glücksspiel war, etwas zu kreieren, dass unsere langjährigen Fans schätzen würden, womit wir gleichzeitig neue Fans hinzugewinnen können und unsere aktuellen Fans bei der Stange halten. Es ging auch darum, POSSESSED von den Bands der Vergangenheit loszulösen, die diesen Stempel des 80er Sounds tragen und ein breitgefächertes Angebot zu bieten.

 

LOL: Die Möglichkeiten sind indes ja auch völlig andere, wie damals. Die Produktion ist heutzutage eine komplett andere Sache...

 

Jeff: Ja, das ist besser. Ich denke, es ist wichtig den technologischen Fortschritt anzunehmen. Wenn die Leute Low-Tech nutzen, dann macht das einen riesen Spaß. Ich denke POSSESSED Fans sind reifer und sehr intelligent. Wir waren immer in guten Studios und der Grund, warum uns das alles so leicht von der Hand geht und wir uns entsprechend anhören, waren die verdammten 80er. Die Ausrüstung von damals, die riesigen Amp-Packs, die man mühselig zusammenstöpseln musste, das war schon echt was für Höhlenmenschen. Eine megamäßige Zeitverschwendung. Im selben Atemzug, mit Respekt hinsichtlich vergangener Zeiten, haben wir die Aufnahmen zu 90 % analog durchgeführt. Unsere Amps drücken noch immer gewaltig. Aber ich wäre ja blöd, wenn ich kein Pro Tools nutzen würde. Die Technologie macht die Sache aber wesentlich einfacher. Es nimmt die Spannungen der physikalischen und mechanischen Handlungen, die man vornehmen muss und die es schwierig machen, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren und gute Musik zu machen.

 

LOL: War es eine große Herausforderung für dich nach dreißig Jahren erstmals wieder ins Studio zu gehen, um ein komplettes Album mit dem ganzen neuen Equipment aufzunehmen?

 

Jeff: Überhaupt nicht. Ich meine, alles baut irgendwie auf die Ausrüstung von damals auf. Das heutige Equipment ist effizienter, aber das Mechanische und das Handling sind nahezu identisch gegenüber dem alten Equipment. Wenn irgendetwas aktualisiert wurde, wurde ja nicht das komplette Design geändert, sondern lediglich Wahrnehmbarkeit und Handling verbessert. Aber es sieht fast genauso aus wie damals. Das Studio ist immer noch so vollgestopft wie früher, nur dass es nun mit Computern und Software ausgestattet ist. Es sieht aber immer noch aus wie ein Mischpult, nur dass dieser zum Teil auf dem Rechner emuliert wurde. Und dann hatte ich natürlich noch Daniel Gonzalez (POSSESSED Gitarrist / Anm. d. Verf.) an meiner Seite. Davon mal ganz abgesehen, dass ich in der Zwischenzeit immer mal wieder in einem Musikstudio gewesen bin und mich stets auf den neuesten Stand gebracht habe. Mein Gitarrist besuchte das College für Produktion und Technik. Die eigentliche Produktion hat für mich eher bedeutet, drei oder mehr Produzenten zu beaufsichtigen und als Co-Producer auf den Sound zu achten. Und soweit es die Ausrüstung anbetrifft, hatte ich mit all dem kein Problem. Ich weiß was sich gut anhört und war froh diese Leute gefunden zu haben. Wir haben uns alle gegenseitig verrückt gemacht, als wir zum Abmischen übergingen, von daher war es schon eine Herausforderung. Peter Tägtgren (Produzent, Mixing und Mastering / Anm. d. Verf.) meinte irgendwann: „Das ist der letzte Mix, den ich mache. Wenn ihr ihn nicht mögt, schmeiße ich alles hin.“ Und ich meinte: „Ich hatte dir gesagt, wir wollen einen hartnäckigen Sound.“ Natürlich haben wir alle nur rumgepost und uns gegenseitig aufgezogen. Wir lieben uns alle und Peter hätte niemals hingeschmissen. Das zeigt lediglich, was es allen Beteiligten bedeutet hat. Es war wirklich ein leidenschaftliches Projekt. Peter kam aus dem Ruhestand und ja, es gab so einige Herausforderungen, aber die bestanden eher im Feintuning und darin den ganz speziellen Sound zu finden. Wie dir jeder Musiker, Techniker oder Produzent sagen kann, bist du niemals zu 100% glücklich mit dem Sound.

© POSSESSED
© POSSESSED

LOL: Wie bist du auf Peter gekommen und wie seid ihr in Verbindung getreten?

 

Jeff: Ich habe die Top 10 Death Metal Produzenten in der Welt gegoogelt und eine Liste der zehn Produzenten gemacht, die dabei am häufigsten auftauchten. Ich habe diese Liste an Gerardo Martinez von Nuclear Blast USA weitergeben und er meinte: „Nuclear Blast hat acht dieser zehn Leute unter Vertrag.“ Ich sagte: „Wow, acht von zehn!“ und habe diese Liste dann meinen Bandkollegen vorgelegt. Jeder hat sie genau unter die Lupe genommen und wir haben uns über jeden einzelnen Künstler informiert. Letzten Endes sind wir zu der Überzeugung gelangt, dass Peter den organischsten Sound kreieren würde. Er war schon als Kind ein Fan von POSSESSED. Er lebt nach dem Motto: Leben und leben lassen. Er ist schon ein verrückter Kerl. Wir lieben was er macht und er ist genau der Richtige für uns. Ursprünglich hatten wir seinen College Professor, der ihn in Produktion und Musiktechnik unterrichtete. Als die Sprache dann auf Peter kam, beschlossen wir zu wechseln und zu Peter zu gehen. Das war die einzig richtige Option. Wir wussten, dass Peter was auf dem Kasten hat. Wir hatten nicht so viel Background Information über den anderen Typen und ich war nicht in der Stimmung ein Risiko einzugehen.

 

LOL: Was hat Peter eigentlich dazu gesagt, als ihr ihm gesagt hat, dass er die Produktion zum neuen POSSESSED Album übernehmen soll?

 

Jeff: Gott sei Dank hat er ja gesagt. Er war ja eigentlich im Ruhestand. Wie ich schon sagte, war es für uns alle ein leidenschaftliches Projekt. Peter kam genauso aus dem Ruhestand, wie wir zurück aus einer Art Ruhestand kamen. Es hat uns beiden viel bedeutet. Da lag etwas ganz spezielles in der Luft. Eine nervöse Aufregung und Vorfreude. Wir wussten von den ersten Tracks an, dass dabei etwas Besonderes herauskommen würde. Wir hofften, dass es so besonders werden würde, wie es sich anfühlte, denn das Feeling war wirklich verdammt gut. Es ist schon verrückt, denn bei POSSESSED ist das immer so eine Sache. Ich weiß, dass es passieren wird, aber es fühlt sich immer so an, als hätten wir einen gewissen Preis dafür zu zahlen. So als würde man darauf warten, das dann etwas Schlechtes passiert. Nach dem Album friste ich ein tragisches Dasein, auf dem eine Art Fluch liegt...voller Hoffnung, dass alles seinen Weg geht und nicht schlimmes passiert. Es ist schon irgendwie böse, denn jedes Mal wenn uns etwas gutes widerfährt, passiert irgendetwas verdammt abgefucktes und die Stimmung kippt. Und ich hoffe, das wird diesmal anders sein.

 

LOL: Wie habt ihr eigentlich zusammengearbeitet. Ich meine, Peter wohnt in Schweden, du in San Francisco...

 

Jeff: Er ist kurzerhand nach Hollywood geflogen. Peter ist ein Mann von Welt. Er ist wie ich. Du könntest einen Stift nehmen, mir die Augen verbinden, den Stift auf eine Karte halten und sie herumwirbeln. Innerhalb eines Jahres würde ich mich an diesem Ort wohlfühlen. Bist du mit Peters Geschichte vertraut? Dass er diese Stadt in Schweden besitzt, in der er lebt?

 

LOL: Ja, ich habe Peter früher des Öfteren mal getroffen. Das ist zwar schon gute zehn, fünfzehn Jahre her, aber ich bin mit dieser Geschichte und der kleinen Stadt Pärlby in der er lebt, in der sich sein Studio Komplex befindet und die im Prinzip ihm gehört, vertraut. Aber erzähl mal aus deiner Sicht...

 

Jeff: Er ist eine Death Metal Legende. Er hat Heldenstatus und dieses Millionen Dollar Studios. Sein Haus ist wunderschön. Es macht den Anschein, dass er verflucht reich ist. Was wirklich erstaunlich ist, denn Death Metal ist bekanntlich kein Job, in dem du reich werden kannst.

 

LOL: In meinem Review habe ich geschrieben, dass Peter diesen intensiven, diabolischen und vor allem drakonisch kaltschnäuzigen Sound mit rübergenommen hat, den POSSESSED vor über drei Dekaden geschaffen haben. Das Ganze jedoch absolut differenziert und authentisch. Wie siehst du das?

 

Jeff: Peter meinte ursprünglich, wir sollten das Ganze zu einem echten Retro-Sound zurückführen. Das haben wir bis ins kleinste Detail ausdiskutiert. Im Endeffekt haben wir entschieden, es in einem modernen Retro Style zu halten. Wie ich schon sagte, war es eine heikle Angelegenheit. Wir brauchten siebzehn Mixes um es so hinzubekommen, wie wir es im Endeffekt haben wollten. Wir wollten keinesfalls die Scheiße aus den Aufnahmen heraus komprimieren, wie es andere Bands tun, um das Ganze nicht zu mechanisch wirken zu lassen und wir wollten das Schlagzeug nicht triggern, aber es ein bisschen druckvoller gestalten. Wir wollten keinesfalls diesen regenbogenfarbenen Sound. Aber manche Sachen funktionieren eben und andere nun mal nicht. Es ist eine Art Geben und Nehmen und dabei zu versuchen, den besten Sound zu erhalten. Und Peter ist wirklich gut darin. Er ist extrem gut im Herauslesen und Zuhören. Ich weiß haargenau was ich will und Peter agiert schnell und intuitiv. Wenn du ihm zuarbeitest, weiß er sofort wie er das angehen soll und wie er das umzusetzen hat, was du haben willst. Peter war auch ein Quell exzellenter Ideen und sprudelte über vor Kreativität. Er ist sicherlich ein Genie und besitzt die Gabe, eine komplexe Sache alles andere als komplex aussehen zu lassen. Wie, wenn dir jemand ein Puzzle vorlegt und es dir in einfachen Schritten erklärt. Er ist der King des einfach gedachten Komplexen.

Photo Credit: Hannah Verbeuren
Photo Credit: Hannah Verbeuren

LOL: Im Jahr 2014 hattet ihr bereits neun mehr oder weniger fertige Songs. Haben es denn all diese Songs aufs Album geschafft?

 

Jeff: Haben wir wirklich neun Songs auf diesem verdammten Demo? Wow, das ist verrückt. Lass mich das hier mal kurz gegenchecken. Ja, natürlich haben sie es alle...scheiße...ich weiß das nicht mal mehr. Das ist so lange her. Wir hatten "Abandoned", "Shadowcult" und "The Crimson Spike". Das hat allerdings unser ehemaliger Gitarrist Kelly (Mclauchlin; 2010 – 2013 bei POSSESSED / Anm. d. Verf.) geschrieben. Kelly entschied sich dazu, sich zurückzuziehen und sich mehr um seine Privatangelegenheiten, wie auch seine Familie zu kümmern. Wir wollten keine Musik von ehemaligen Mitgliedern verwenden. Auch wenn wir Kelly lieben, hat der Song nicht so gut funktioniert, wie wir dachten. Schon deshalb haben wir ihn nicht genommen. Natürlich mag ich meine Lyrics. Jeder mag seine eigenen Sachen. Also habe ich den Text von "Crimson Spike" ein wenig kannibalisiert und in "Craven" transformiert. Wir wussten ja ursprünglich gar nicht, dass wir ein Album machen werden. Soweit ich mich erinnere, hatten wir weniger als die Hälfte der Songs. Oh hier ist es...heilige Scheiße...das ist eine zehn Song Demo-Aufnahme. Jetzt erinnere ich mich. Dan und ich haben das komplette Album aufgenommen, bevor wir uns an die eigentlichen Aufnahmen gemacht haben. Oh mein Gott, wie konnte ich das vergessen. Das ist so verrückt...hahaha. Das ist lustig. Wenn du etwas fertiggestellt hast, lässt du es hinter dir, schaust nach vorne und machst einfach weiter. Wir haben jeden einzelnen Song für das Demo aufgenommen. Dan und ich haben das Pre-Album in meinem Keller produziert. Wir nutzten das Demo mit den hit- and click-Tracks als Fundament für das eigentliche Album. Das war für jeden von uns wesentlich leichter, denn das Demo hat sich wirklich richtig gut angehört. Es ist erstaunlich, dass wir das auf einem Laptop machen konnten. Das Demo wurde verbessert und es war wirklich schwer für mich, die Plattenfirma zurückzuhalten, nicht einfach bereits das Demo zu veröffentlichen, weil sie es so sehr mochten. Das Demo war aber für uns zum Proben gedacht und nicht um es zu veröffentlichen. Das Meiste davon wurde schon vor dem Demo verworfen. Das fertige Demo beinhaltet das komplette Album, also alle Tracks, für die wir uns entschieden haben und die wir nutzen wollten. Davor gab es komplett fertige Songs, Teile von Songs, die wir wieder verworfen haben und...nun, was ich sehr schnell gelernt habe und für manche echt verheerend ist: Ich hatte im Endeffekt das letzte Wort. Wenn ich etwas nicht wollte, habe ich nein gesagt. Das bringt einen Musiker zum Sieg. Es ist kein Kompromiss, etwas zu rippen, das im Grunde genommen gut, aber vielleicht nicht besitzergreifend genug ist, anstatt es einfach zu verwerfen. Was ich sehr ebenfalls schnell gelernt habe, ist ihnen zu sagen, warum es nicht funktionieren wird und wie sie es in ein funktionierendes Riff umändern und entsprechend modulieren können. Anstatt Ideen einfach zu verwerfen und somit ein gutes Riff zu verschwenden, kann man ein gutes Riff formen und weiterentwickeln. Das schien ein guter Prozess für uns zu sein und es scheint funktioniert zu haben. Ich habe großen Respekt vorm Schreiben. Wir haben alle großen Respekt davor, denn ich will den gleichen Standard halten, wie Dan, Claudeous, Emilio oder Robert. Ich schreibe die Hälfte der Musik und alle Texte. Wenn ich ein Riff schreibe, sende ich das Package an Daniel und das ist wirklich einfach gehalten...zwischen sieben und zwölf Akkordkomponenten des Songs, die wichtigsten Riffs und die Struktur. Dan packt Solos dazu und legt einen Drumcomputer darüber. Die Rhythmen und Beats eben und schickt das Ganze weiter an Bobby, der seinen Bass dazu haut. Der schickt sie weiter an Claudeous der seine Leads hinzu packt. Dann geht es weiter an Emilio, der seine Drums über das künstliche Schlagzeug schreibt. Anschließend geht das Ganze an mich zurück und ich kreische mir im Keller am Vocalmike mit Windscreen den Arsch ab und packe so meine Vocals dazu. Auf diese Weise und mit dieser Vorarbeit ist es nicht vonnöten, dass wir alle zur selben Zeit im Studio sind. Das Schlagzeug und die späteren Gitarren werden dann einfach über das ursprüngliche Demo gelegt. Das ergibt eine bessere Qualität. Wir triggern Effekte oder nutzen manchmal sogar die ursprünglichen Vocals als Backup Vocals oder zum Ausfüllen, um das Ganze fetter zu machen. Eine Menge des Demos wurde im Endeffekt auf das Album transferiert. Einiges hat es aber nicht auf das Album geschafft. Wir haben uns nur das Beste rausgepickt. Wir sind mit den Songs, die die Grenzen dessen überschreiten, was POSSESSED ist und was nicht, ein hohes Risiko eingegangen. Und wir wollten genau das machen, denn POSSESSED stand schon immer dafür, neue Dinge auszuprobieren und keine Angst davor zu haben, einen neuen Sound auszuprobieren. Und wir wussten, dass die Leute uns in das Thrash-Lager einkategorisieren würden...

 

LOL: Im Endeffekt ist es doch eigentlich egal, ob die Leute es jetzt als Thrash ansehen oder nicht...

 

Jeff: Doch, das macht einen Unterschied. Du musst da so verstehen: Mein ganzes Leben lang leugnen die Leute schon den Death Metal. Ich meine nun ist er etabliert. Irgendwie ist das komisch...heutzutage, nachdem wir vor Jahren mit dem Death Metal angefangen haben, wollen uns die Leute immer noch nicht als Death Metal bezeichnen. Somit ist es schon immer eine Art Entschuldigung gewesen, POSSESSED als Death Metal zu bezeichnen.

 

LOL: Ja natürlich, da hast du so gesehen wohl recht. Was kannst du mir denn hinsichtlich deiner Bandkollegen sagen?

 

Jeff: Sie sind der Wahnsinn, einfach wunderbar. Sie sind die beste Truppe, mit der ich je gearbeitet habe. In erster Linie kommen wir super miteinander aus. Auch unsere Familien. Ich lebe und sterbe für diese Typen. Sie sind so genial. Und so etwas ist schwer zu finden. Das ist wahrscheinlich das Wichtigste an einer Band überhaupt. Wenn du das Gleiche denkst und in der Lage bist miteinander zu arbeiten. Etwas, das wir bei POSSESSED bis heute nie wirklich hatten und etwas, das ich mein ganzes Leben lang gesucht habe. Ich liebe diese Typen. Der erste war Emilio. Wir haben zusammen gejamt. Emilio war dermaßen talentiert. Er ist der talentierteste in der Band. Ich habe Emilio ausgewählt, weil er einfach zu gut war um ihn ziehen zu lassen. Wir beide haben daran gearbeitet Bandkollegen zu finden, die gemeinsam mit uns die neuen POSSESSED werden. Wir haben Dan gefunden, dann Bobby und anschließend Claudeous. Das ist das finale Line-Up. Ich bin seit beinahe dreizehn Jahren wieder „on stage“. Das ist mehr als dreimal so lange, wie mit dem ersten POSSESSED Line-Up. Die Typen sind mehr POSSESSED als jede andere Version zuvor. Sie sind alle Bros, alle Veteranen, alle in Ordnung und sie haben sich alle den Arsch abgearbeitet um hier her zu gelangen. Sie haben es verdient bei POSSESSED zu sein. Genau wie ich haben sie niemals aufgegeben. Sie sind hartnäckig. Keiner von uns könnte jemals aufhören Musiker zu sein. Da musst du schon sterben, um aufzuhören. Das ist unsere Natur. Ein Stück von dem, was wir sind. Das spricht Bände auch hinsichtlich unserer Integrität.

 

LOL: Im Mai 2017 habt ihr bei Nuclear Blast unterschieben. Wie kam es zu dem Deal und was dachtet ihr, als ihr die Chance erhalten habt, der größten Metal Familie der Welt anzugehören?

 

Jeff: Das ist der Wahnsinn. Ich meine Nuclear Blast sind die Crème de la Crème. Sie haben den Metal groß gemacht. Wenn du eine Metal Zeitschrift durchblätterst, stößt du unweigerlich auf Nuclear Blast. Wenn irgendjemand wie ich im Extrem Metal Bereich über Label nachdenkt, ist das erste das einem in den Sinn kommt Nuclear Blast. Ich würde nicht sagen, dass es das größte Label ist, aber das beste Label für Metal. Da kannst du Metal leben und sie lassen dich auch Metal leben. Sie versuchen nicht dir reinzureden und deinen Sound weiterzuentwickeln. Das Gegenteil ist der Fall. Sie lieben die Bands, die sie unter Vertrag nehmen und sie sind echte Metalheads. Andere Label behaupten, sie seien Metal, sind aber meilenweit davon entfernt. Einige bei Nuclear Blast sind in meinem Alter, andere sind jünger. Damit haben wir das Beste aus beiden Welten. Sie sind wirklich aufgeschlossen, sie mögen meine Art und man kann wirklich gut mit ihnen zusammenarbeiten. Es fühlt sich an wie eine Familie. Sie versuchen nicht dich über den Tisch zu ziehen, was ich jeden Tag von anderer Seite so deute. Diese Label wollen Profit machen und das war’s. Die Leute bei Nuclear Blast hören mir zu, auch wenn ich wirklich mit etwas nervigem ankomme...hahaha. Es dauerte schon eine Weile, bis ich mich daran gewöhnt hatte, dass ich jemanden vertrauenswürdigen an meiner Seite habe. Ich liebe diese Typen. Sie sind großartig. Von ihnen unter Vertrag genommen zu werden, war ein Traum, der wahr geworden ist.

 

LOL: Ich hoffe, es macht dir nichts aus, wenn wir zu einem sehr traurigen Moment in deinem Leben kommen. Du wurdest, ich glaube 1989 von zwei Räubern überfallen, die dir in die linke Brust, sowie in die rechte Hand geschossen haben...

 

Jeff: Ich war 22 Jahre alt. Also war das 1989 oder 1990. Wie auch immer. Ich kam gerade von der Arbeit. Das war ein sehr einschneidendes Erlebnis, das mich weit zurückgeworfen hat. Ich habe sehr lange gebraucht, um wieder vernünftig am Leben teilzuhaben. Es waren aber auch die Fans und der Support von den Leuten, die bei mir geblieben sind, im Speziellen meine Familie und eine handvoll Freunde. Es hat mich 17 ½ Jahre meines Lebens gekostet, wieder zurück auf die Bühne zu kommen.

"Revelations Of Oblivion" - Variationen
"Revelations Of Oblivion" - Variationen

LOL: Wie ist dein direktes Umfeld damit umgegangen und warst du zu dem Zeitpunkt in einer Beziehung?

 

Jeff: Ich habe damals alles verloren. Ich habe angefangen, mich von der Welt zu distanzieren. Das Ganze hat sich etwa fünf Jahre hingezogen. Dadurch dass ich alleine lebte, dachte ich nur negativ über mich. Ich habe die Leute von mir weggedrängt. Ich trieb auf einen dunklen Punkt zu, nahm Drogen und trank Alkohol. Es war eine Art Selbstmord auf Raten in einem schlechten wissenschaftlichen Experiment. Eventuell kommst du über die Posttraumatische Belastungsstörung, den Schock und das ganze Drumherum hinweg. Für mich war es wie eine Offenbarung...entweder fange ich an wieder zu leben oder werde endgültig sterben. Ich habe mich für ersteres entschieden. Ich fuhr runter zum Community College, machte einen IQ-Test, den ich bestand. Als ich mein erstes "A" in Statistik und Eventstatistik geschrieben habe (vergleichbar mit der deutschen Schulnote 1 / Anm. d. Verf.), wo ich eigentlich davon ausging, dass ich durchfallen würde, war das wie ich schon sagte wie eine Art Offenbarung für mich und ich lernte, wie ich meine Ängste überwinden kann. Diese Gedanken auszuschalten , die dich runterziehen und nach vorne zu schauen. Es gab mir auch viel Selbstvertrauen zurück und ich habe wieder zu mir zurückgefunden. Ich habe mich in ein wunderschönes Mädchen verliebt und habe zwei wundervolle Kinder. Das College war eine tolle Erfahrung für mich. Ich habe die negativen Dinge einfach in positive Richtungen gelenkt. Das war eine der härtesten Herausforderungen, die ich jemals gemeistert habe, aber auch eine die sich am meisten für mich ausgezahlt hat.

 

LOL: Wurden die Täter damals eigentlich gefasst?

 

Jeff: Ja, aber ich glaube sie sind schon wieder draußen. Ich bin mir da nicht ganz sicher. Ich habe das nicht weiter verfolgt. Sie wurden etwa fünf Stunden nach der Tat verhaftet.

 

LOL: Hast du mal mit ihnen gesprochen und kannst du ihnen ihre Tat vergeben?

 

Jeff: Ja, ich habe es ihnen niemals vorgehalten. Wir wohnen hier im Osten von San Francisco in der Bay Area. Hier gibt es viel Armut und Leute, die nicht das Glück hatten, eine solch tolle Familie zu haben, wie ich. In gewisser Weise sind sie Opfer der Umstände, der Erziehung, der Unterdrückung, der Drogen und all dieser Scheiße. Privilegierte Leute nehmen Drogen zur Entspannung oder was auch immer, aber für die Leute aus dem Ghetto oder die, die in den kalifornischen Slums wohnen, gehört das zum Leben. Sie wachsen damit auf und das ist keine schöne oder glanzvolle Geschichte. Somit ist es nicht wirklich ihr Fehler.

 

LOL: Hast du mal die Möglichkeit gehabt, mit ihnen zu sprechen?

 

Jeff: Nein, nicht wirklich. Das einzige mal, dass ich mit ihnen gesprochen habe, war vor Gericht.

 

LOL: In Hinsicht auf das, was dir zugestoßen ist, wie denkst du hinsichtlich des amerikanischen Waffengesetzes?

 

 

Jeff: Da bin ich stolz drauf. Das ist unser Recht und unsere Freiheit die Möglichkeit zu haben, sich gegen eine tyrannische Regierung aufzulehnen. Ich bin für Waffen.

 

 

Photo Credit: Hannah Verbeuren
Photo Credit: Hannah Verbeuren

LOL: Kommen wir wieder zur Musik zurück. Wie fühlt es sich für dich an, wenn die Leute dich als Begründer oder Godfather of Death Metal bezeichnen? Begründer eines Genres, das mittlerweile 35 Jahre überlebt hat.

 

Jeff: Das ist unglaublich. POSSESSED war die erste Death Metal Band. Und Godfather of Death Metal ist ein großartiger Titel, den ich gerne annehme. Es braucht aber eine komplette Gruppe und ein Kollektiv an Bands um ein Genre zu begründen. Doch wir als POSSESSED waren die ersten, die sich aktiv als Death Metal betrachteten und den ursprünglichen Stil des Death Metal kreierten. All die Killer-Badass-Bands die danach kamen, sind Teil der Revolution und des Movements, das alles so aufregend macht. Ein neues Kapitel in der Musik. Und zu sehen, das der Death Metal so exponentiell gewachsen ist, mit all den vielen verschiedenen Richtungen, die das ganze nicht in ein spezifisches Regelwerk gepresst haben. Es tut gut, Teil dieser Bewegung zu sein. Und ich bin stolz darauf.

 

LOL: Ja, das denke ich mir. Das kannst du auch. Gab es eigentlich Probleme für dich den Namen POSSESSED zu verwenden? Mike Torrao, Mike Sus und du, ihr habt POSSESSED zwar alle gemeinsam gegründet, aber schließlich hat Mike Torrao in den Neunzigern bereits einen Comeback-Versuch mit POSSESSED gestartet. Hatte er da nicht auch die Rechte an dem Namen?

 

Jeff: POSSESSED war schon immer meine Band und ja, Mike hat einen Wiederbelebungsversuch gestartet, als ich im Krankenhaus gelegen habe. Er machte aber danach unmissverständlich klar, dass er sein Leben leben und sich auf seine Karriere konzentrieren wolle. Ich habe mit den Jungs eigentlich seit drei Dekaden nicht mehr gesprochen. Ich habe ihnen eine Menge zu verdanken, aber als Künstler machst du weiter, blickst nach vorne und nimmst das Erlernte natürlich mit. Diese Grundlagen waren für mich sehr wichtig und die Jungs spielen eine große Rolle in der Bandhistorie. Aber es war ihre Entscheidung aufzuhören und ich muss diese Entscheidung akzeptieren. Nicht jeder will sein ganzes Leben lang in einer satanischen Death Metal Band spielen.

 

LOL: Haben sie da keine Probleme wegen der Nutzung des Namens POSSESSED gemacht?

 

Jeff: Nein, das können sie nicht, weil es meine Band ist.

 

LOL: Hast du neben POSSESSED noch andere Musik Projekte am Laufen?

 

 

Jeff: Nun, ich habe einige Nebenprojekte. Ich habe eine Single mit CADAVER aufgenommen, mit Anders Odden von SATYRICON, CELTIC FROST und MINSITRY, sowie Dirk Verbeuren, dem Drummer von MEGADETH. Das ist eine Single namens "Circle Of Morbidity", die man sich auf Youtube anhören kann (https://www.youtube.com/watch?v=myYOlvgcL_A). Da habe ich meine Guestvocals beigesteuert. Dann habe ich da natürlich noch meinen Spielfilm, an dem ich gerade arbeite, über meine Lebensgeschichte und POSSESSED mit dem berühmten Schauspieler Peter Stormare (u.a. Prison Break, Fargo, Jurassic Park, The Big Lebowski, Minority Report, Constantine, Wolf) und die Projekte, die ich mit Nuclear Blast mache. Ich suche immer etwas mit dem ich mich beschäftigen kann. Ich bin da offen für alles. Ich habe einen Song für NUNSLAUGHTER geschrieben. Dann habe ich noch ein Projekt mit Kenny, einem guten Freund von mir. Ich habe einen Gastbeitrag für Skitzo von METALLIC TYRANTS gemacht. Des Weiteren habe ich noch einen Song für eine Band namens OBEY geschrieben. Ich halte immer mein Auge offen und suche nach aufregenden Projekten, die ich durchziehen kann. Aber POSSESSED ist mein Hauptanliegen, auf das ich mich am stärksten konzentriere und mit dem ich die meiste Zeit verbringe.

LOL: Ein viel beschäftigter Mann also. Nächsten Monat werdet ihr die europäischen Bühnen mit POSSESSED entern. Was erwartet ihr von den bevorstehen Konzert- und Festivalauftritten? Von deren Organisation, deren Promotern und vor allem von euren deutschen und europäischen Fans?

 

Jeff: Ich kann es kaum erwarten. Bis zum Wacken 2007 sind wir nie auf einem europäischen Festival aufgetreten. Solch große Metal Festivals gab es Anfang der 80er nicht. Es ist schon ziemlich cool, wie groß der Death Metal geworden ist oder Metal im Allgemeinen. Und die Art und Weise, wie es die Europäer aufziehen, ist einfach so genial, dass man es nur lieben kann. Ich kann kaum erwarten, dort im Juni anzukommen. Es ist immer aufregend durch Europa zu touren. Und natürlich lieben wir Europa. Und wir freuen uns auch auf einige weitere Touren in den USA. Wir wollen da rausgehen, so viel wie möglich live spielen und das neue Album präsentieren.

 

LOL: Um zum Ende zu kommen. Hast du irgendwelche Neuigkeiten oder ein paar Worte für eure deutschen Fans da draußen?

 

Jeff: Ich liebe Deutschland (O-Ton). Deutschland ist dem Metal sehr verbunden. Ich kann es kaum erwarten dort anzukommen. Ich liebe euch Leute. Es ist immer ein großes Highlight in Deutschland für wahre Metalheads zu spielen.

Wir freuen uns auf die Junitour. Und ich hoffe euch dort zu sehen.

 

LOL: Also Jeff, vielen, vielen Dank, dass du dir die Zeit für uns genommen und all meine vielen Fragen beantwortet hast.

 

Jeff: Ich danke dir für deine Zeit und die wichtigen Erkenntnisse, die sich auch für mich aus diesem Interview ergeben haben. Ich weiß das wirklich zu schätzen. Es ist schon verrückt, mit einem etablierten, professionellen Journalisten zu sprechen. Es ist ein wahr gewordener Traum. Ich weiß deine Bemühungen und die Zeit, die du dafür investiert hast, sehr zu schätzen.

 

No More Room In Hell (OFFICIAL VISUALIZER):

 

Shadowcult (Live-Videoclip Bloodstock 2017):

 

Graven:


 

LOL: Das Kompliment kann ich nur zurückgeben. Auch für mich war es eine Ehre ein Interview mit dem Godfather Of Death Metal zu führen. Ich wünsche euch alles Gute. Dass ihr weiterhin viel Spaß an eurer Musik habt und in naher oder ferner Zukunft noch viele, viele großartige Alben wie "Revelations Of Oblivion" veröffentlichen werdet.

 

Jeff: Wir schreiben bereits für das zweite Album. Dann hoffen wir, dass es noch besser wird als das momentane Album.

 

LOL: Also arbeitet ihr bereits daran?

 

Jeff: Ich schreibe momentan dafür. Wir sind aber noch in einem sehr frühen Stadium. Wir haben einen Drei-Platten-Vertrag. Kürzlich sprach ich mit Gerardo (Head Of Nuclear Blast USA / Anm. d. Verf.) und er meinte, ich könne 25 Alben machen, wenn ich wolle. Ich wies darauf hin, dass ich unseren Backkatalog vergrößern will und so viel Musik zu veröffentlichen wie ich kann, bevor ich sterbe.

 

www.possessedofficial.com

www.facebook.com/possessedofficial

 

Das meint LACK OF LIES zu "Revelations Of Oblivion"!

 

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