MICHAEL J. SULLIVAN - Zeitfuge

 

Science Fiction, Zeitreisen, hmm,…das erinnert doch stark an „Die Zeitmaschine“ von H.G. Wells. Und tatsächlich erfährt man im Vorwort zu „Zeitfuge“, dass sich der Autor Michael J. Sullivan unter anderem von diesem Werk hat beeinflussen lassen. Sein Protagonist Ellis Rogers erhält die Diagnose unheilbar lungenkrank zu sein und nur noch wenige Monate zu leben zu haben. Da ihn nicht mehr viel an dem Fleckchen Erde hält, an dem er sich irgendwie festgefahren zu haben scheint, denkt er sich 'nach mir die Sintflut' und beschließt kurzerhand fort zu gehen, um sich auf die Suche nach einem Heilmittel zu machen. Welch ein Glück, dass er bereits eine selbst entworfene Zeitmaschine in der Garage geparkt hat. Für den totgeweihten Ellis öffnen sich damit ungeahnte Möglichkeiten. In diesem Fall bleibt es allerdings bei einem One-Way-Ticket ins Ungewisse, denn die physikalischen Gesetze ermöglichen dem Probanden nur eine Reise in die Zukunft. Hin zu einem modernen Märchen, so einer Art 'Ellis im Wunderland'. Die Story spielt sich nahezu ausschließlich in der Zukunft ab. Nur was das für eine merkwürdige Zukunft ist! Gerade mal zweihundert Jahre wollte Ellis in die Ferne schweifen, aber das sich in dieser kurzen Zeit alles so dermaßen verändern würde, daran hätte er in seinen kühnsten Träumen nicht gedacht und auch kaum daran, dass er mit den Faktoren seiner Berechnungen dermaßen daneben liegen könnte. 446 Seiten Science Fiction pur. Interessante, erfrischende Ideen, die ab und an mal ein wenig kitsch- oder klischeebehaftet sind, ansonsten aber Appetit auf mehr machen, ein flüssiger Schreibstil und der subtile Aufbau des Spannungsbogens machen aus „Zeitfuge“ einen solide durchdachten und einfallsreichen Plot. Der Titel der amerikanischen Originalausgabe 'Hollow World' wäre allerdings wesentlich treffender und auch passender gewesen. Warum man diese Änderung vornahm ist mir ehrlich gesagt ein Rätsel. Wer sich mit Sci-Fi und den andersartigen Ideen, mit denen dieses Genre stetig spielt anzufreunden weiß, kann bei diesem modernen Märchen eigentlich nichts verkehrt machen. Man muss lediglich über kleine Widersprüchlichkeiten und teilweise etwas ungelenke Vergleiche zu Gegebenheiten aus unserer Zeit hinwegsehen können, dann jedoch eröffnet sich dem geneigten Leser eine völlig neue, faszinierende Welt. Aufgrund der natürlichen Konfiguration der einzelnen Antagonisten fällt es auch oftmals schwer das nötige Mitgefühl für jene aufzubringen. Man wartet in dieser nahezu perfekten Umgebung auf den sprichwörtlichen Haken an der Sache. Nebenbei macht der Autor einige Ausflüge ins philosophisch-theologische, die sowohl Moral als auch Ethik in ihr Nachtgebet mit einschließen und dabei durchaus zum Nachdenken über hiesige und derzeitige Themen anregen. Die Frage nach der eigenen Existenz, dem Sinn des Lebens, dem Ausweg aus all dem vielen Leid wird gestellt und auch ob der Ausweg überhaupt einen Sinn ergäbe oder doch nur wieder Rückschritt bedeuten und in Destruktion enden würde.

 

Meine Wertung: 83/100