KLAUS-PETER WOLF - Traumfrau

 

Böse, böse, dreckig und gemein ist das 1991 erstmals im Goldmann Verlag erschienene Buch "Traumfrau" von Klaus-Peter Wolf. Eine Traumfrau in Asien bestellen, die alles macht und mit der man alles machen kann? Das klingt schon reichlich blöd, wenn auch sicherlich alles andere als unrealistisch. Wobei der Begriff "Traumfrau" hierbei sehr großzügig und weitläufig auszulegen ist. In diesem speziellen Fall hat eine Lotto Tippgemeinschaft, bestehend aus fünf deutschen Stammtischlern, das "große" Los in Form von fünf Richtigen gezogen und was soll man im Angesicht des delikaten Sümmchens anderes machen, als anfangen rumzuspinnen, auf die dollsten Ideen zu kommen und in den seltsamsten Träumen zu schwelgen? Gesagt, getan! Man bestellt also eine Thailänderin, wie aus einem „Warenkatalog“. Stumm soll sie obendrein noch sein. Das ist allen wichtig! Sie könnte ja ansonsten alles ausplaudern, was man so mit ihr vorhat. Gedanken von Empathie bis Egoismus machen sich breit und bearbeiten abwechselnd (wie Engelchen und Teufelchen) das Gewissen des Hauptprotagonisten Günther Ichtenhagen. Die übrigen Stammtischler geben sich hingegen eher unerfahrenen, erotischen, herrschsüchtigen, grotesken bis abwiegen Phantasien hin. Da gehen die Vorstellungen der Gruppe, was die gekaufte Frau Namens Mary angeht, was man mit ihr machen und wie man mit ihr umgehen wird, doch ganz schön weit auseinander, was nicht zuletzt dazu führt, dass die Geschichte ab einem gewissen Zeitpunkt doch mächtig aus dem Ruder zu laufen droht. Günther Ichtenhagen ist dabei eher zurückhaltend und empathisch, schließlich ist er dazu auserkoren, die Frau zu ehelichen und auch der einzige, der die junge, thailändische Frau nicht wie eine Sache, bzw. wie ein Stück Dreck behandelt. Anstand und Moral scheinen bei dem ehemaligen Lehrer noch einigermaßen festzusitzen. Bereits im Jahre 1989 verfasste Klaus-Peter Wolf seinen Roman. Auf 255 kleingedruckten Seiten entwirft der Autor eine recht komplexe Story um innerliche Zerwürfnisse, ausgespielte Machtverhältnisse, verschiedenste Ängste, einstürzende Lügengebäude, herrschsüchtigen Sex und ausbordernde Gewalt. Die überwiegend soziopathische Tippgemeinschaft wird leider erst recht spät etwas genauer unter die Lupe genommen und bleibt damit anfangs etwas zu blass. Allerdings wird im Laufe der Geschichte der ein oder andere Protagonist mit seiner Vergangenheit konfrontiert, was es dem Leser ein wenig leichter macht, eine gewisse Empathie oder auch Antipathie für, bzw, gegen den ein oder anderen zu entwickeln. Die Protagonisten versuchen durch ihre Gedanken und Taten an Mary aus ihrem festgefahrenen, langweiligen Lebensalltag auszubrechen und all ihre unterdrückten Phantasien auszuleben. Dass sie dies letztlich aus ihren bisherigen Bahnen hinausschleudern wird, ist abzusehen. Nicht zuletzt dadurch werden sie untereinander immer aggressiver und gewalttätiger. Der Respekt Mary, wie auch den sogenannten Skatbrüdern und nicht zuletzt sich selbst gegenüber, verliert sich nach und nach in schizophrenen Gedankengängen. Für Günther Ichtenhagen wird das ganze allmählich zu einem nicht mehr aufzuhaltenden und schon gar nicht rückgängig zu machenden Albtraum. Alles läuft völlig aus dem Ruder, steigert sich von einem, am Anfang noch säuselnden Wind, zu einem mächtigen Orkan, der so manchen von Ihnen mit Haut und Haaren verschlingt. Wenn sich ihre wahren Gesichter zeigen, dann ist mit ihnen nicht mehr gut Kirschenessen. Im Laufe der Geschichte werden sie immer aggressiver und herzloser. Mary wird unterdessen als Gespielin und Sexsklavin gehalten. Der alternde Hauptprotagonist Günther Ichtenhagen steigert sich hierbei immer mehr in seine Beschützerrolle rein, was ihm aufgrund seiner altersbedingten Gebrechen allerdings nicht wirklich gelingen kann. Die übrigen Protagonisten polieren unterdessen ihre angefressenen Egos an Mary auf. Irgendwann scheint das ganze Dorf durchzudrehen. Es wird gemunkelt und geschunkelt. Die Heuchelei, die Schwindelei, der Selbstbetrug…so nach und nach rächt sich das Ganze und nimmt für die Protagonisten apokalyptische Züge an. Leider kommt Marys Persönlichkeit, wie auch ihr Gefühlsleben viel zu kurz, was den Plot hinsichtlich seiner ureigenen Brisanz an der ein oder anderen Stelle etwas zu emotionslos erscheinen lässt.

 

Meine Wertung: 76/100

 

www.klauspeterwolf.de