Interview zu "Echo" mit Thomas Olde Heuvelt

 

Mit dem, 1983 in Nijmegen geborenen Schriftsteller Thomas Olde Heuvelt, hat ein wahrer Meister der Erzählkunst die internationale literarische Bühne betreten. Es sind tiefgründige, geistreiche und genreübergreifende Gefühlswelten voller Leben, Charisma und Atmosphäre, die er kreiert. Nach seinem überaus erfolgreichen Roman "HEX", aus dem Jahre 2017, legte Olde Heuvelt (was einem altholländischen Dialekt entspringt und "Alter Hügel" bedeutet) kürzlich sein neustes Psycho-Thriller/Horror Meisterwerk "Echo" nach. "Echo" ist jedoch so viel mehr als nur perfider Thriller oder Horror. "Echo" ist ein wahnsinnig gut geschriebenes, atmosphärisch komplexes, mystisches und beklemmendes Psychogramm, ein traumatisierendes, philosophisches Beziehungsdrama, ein düsterer Mystery-Thriller, ein verstörend nebulöser Bergsteigerroman und letztlich auch eine Verschmelzung aus Realität, Moral, Angst und Wahn. Doch da gibt es noch so vieles mehr zwischen den Zeilen zu entdecken, das einen unmittelbar in seinen Bann zieht, auf der Stelle verzaubert und für eine lange, lange Zeit nicht mehr loslässt. Das war auch der Grund, warum ich mir beim Lesen des literarischen Geniestreiches "Echo" recht schnell dachte, du musst diesen Schriftsteller einfach interviewen! In den folgenden Zeilen lest ihr, was mir Thomas Olde Heuvelt über sein Leben, sein Wirken, seinem neuen Werk "Echo", sowie einem baldigen Wiedersehen mit Robert Grim aus "HEX" zu berichten hatte...

 

Thomas Olde Heuvelt - Echo
Erscheinungstermin: 11.10.2021 / Heyne Verlag

LACK OF LIES (LOL): Für alle Leser, die dich noch nicht kennen oder dich (wie ich) erst durch "HEX", bzw. "Echo" entdeckt haben...gib uns doch bitte mal einen kleinen Einblick zu deiner Person, deiner Arbeit und wie du zur Schriftstellerei gekommen bist.

 

Thomas Olde Heuvelt: Ich liebe Gruselgeschichten. Ich habe Gruselgeschichten schon immer geliebt. Es liegt wahrscheinlich daran, dass uns das, was uns Angst macht, gleichermaßen fasziniert. Als Kind war der Tod eine lebendige Präsenz bei uns zu Hause. Mein Vater starb, als ich drei Jahre alt war und in meinem kindlichen Denken war der Tod etwas, das auf dem Dachboden, zwischen Wäscheständer und Waschsalon lebte. Dort oben war ein dunkler Raum und wenn ich auf der Treppe zu viel Lärm machte, stellte ich mir vor, dass er von dort herunterkommen und auch mich packen würde. Auf diese Weise visualisieren Kinder die Dinge, die sie nicht vollständig verstehen: Sie vermenschlichen es. Und obwohl es mir Angst machte, faszinierte es mich gleichermaßen. Später, als ich sieben war - es gibt da eine Tradition in den Niederlanden, bei der Kinder von Tür zu Tür gehen, um Briefmarken für wohltätige Zwecke zu verkaufen. Ich erinnere mich, dass ich an einer Tür klingelte und eine Frau in einem blutbefleckten Nachthemd öffnete. Ich wusste nicht, was mit ihr passiert war. Ob es ein Unfall war oder ein Akt der Gewalt oder lediglich starkes Nasenbluten. Sie erwartete höchstwahrscheinlich einen Arzt oder einen Krankenwagen, als es an der Tür klingelte. Aber da stand nur ich mit meinen Briefmarken. Ich wurde stets zur Höflichkeit erzogen, sodass ich meiner ersten Neigung nicht nachgeben und einfach davonlaufen konnte. Als ich endlich meine Stimme wiederfand, sagte ich: „Oh… Sie sehen heute nicht so gut aus. Ich komme ein anderes Mal wieder.” Und dann rannte ich. Ich traute mich nicht, meiner Mutter zu erzählen, was ich gesehen hatte. Aber in dieser Nacht stand die Frau im blutigen Nachthemd an meinem Bett. Nächtelang kehrte sie in meinen Albträumen zurück. Und erst Jahre später erzählte ich jemandem von dieser Erfahrung. Es hatte mich geprägt. Es hat mich auf die Idee gebracht, dass das Leben einem manchmal eine Tür öffnet und dahinter etwas Schreckliches wartet.

 

LOL: Hast du eigentlich geahnt, was du mit der Veröffentlichung deines fünften Romans "HEX" lostreten würdest? Dadurch entstand ein regelrechter Hype um dich und deine Person. Sogar Stephen King nannte deinen Roman "brillant und absolut originell"...welch eine Ehre...zumal du ja selbst ein Fan von ihm bist! Diese Veröffentlichung führte dich in mehrere Länder wie China, Taiwan, Brasilien, die Ukraine, Polen, Frankreich, Tschechien und so weiter…

 

Thomas: Der Erfolg von "HEX" scheint über Nacht gekommen zu sein, aber es war tatsächlich auch eine auf lange Hand geplante Strategie. Als ich 11 Jahre alt war, befand ich mich in einer Buchhandlung in den Niederlanden und sah dort all diese Stephen King-Taschenbücher, die Mitte der 90er Jahre veröffentlicht wurden. Ich sagte mir: „Genau das will ich machen, wenn ich groß bin. Ich möchte, dass meine eigenen Bücher in Buchhandlungen überall auf der Welt zu finden sind, damit Leser sie lesen können.” Mein ganzes Leben lang habe ich Schritt für Schritt daran gearbeitet, das zu erreichen. Aber wenn du dir in jungen Jahren ein solches Ziel setzt, wirst du irgendwann zwangsläufig auf gewisse Probleme stoßen. Allen Anfängern sei gesagt, Stephen King ist eine Ikone der Popkultur, die es nur einmal im Leben, nur einmal in einer Generation geben wird, da wirst du niemals hin gelangen. Als sich "HEX" rund um den Globus ausbreitete, hatte ich dahingehend noch kein Erfolgserlebnis: Ich konzentriere mich immer auf die nächsten Schritte, die nächsten Ziele. In dem Moment, als King über das Buch twitterte, schloss sich irgendwie der Kreis und das war ein brillanter Moment. Seitdem bekomme ich Nachrichten von Lesern aus der ganzen Welt und habe auf vier Kontinenten getourt. Es kommt selten vor, dass ein Autor, der in einer Sprache schreibt, die lediglich von knapp 25 Millionen Menschen weltweit gesprochen wird, also ist das schon erstaunlich.

 

LOL: Kommen wir zu deinem aktuellen Roman "Echo". Wie bist du auf die komplexe und tiefenpsychologische Idee dazu gekommen? Eher beim Schreiben oder schwirrte dir diese Idee schon lange im Kopf herum? Der Druck war nach dem weltweiten Erfolg von "HEX" sicherlich ebenfalls enorm! Wie bist du damit umgegangen?

 

Thomas: Eine Zeitlang ließ mich der Erfolg von "HEX" regelrecht in eine Starre verfallen. Es ist schon überwältigend, wenn alles wovon du jemals geträumt hast, in Erfüllung geht, aber gleichzeitig bereitet dich niemand auf die Tücken des Erfolges vor. Ich war schon immer ein Bergsteiger und wenn du dich auf den Weg machst, um einen Berg zu erklimmen, zieht dich dieser besondere Gipfel in seinen Bann. Doch wenn du nach langem Kämpfen endlich seinen Gipfel erreichst, siehst du am Horizont einen neuen Berg. Einen, der noch größer oder schwieriger zu erklimmen ist, und der Berg, auf dem du dich befindest, verliert augenblicklich seine Magie. Das ist das Gefühl, das nach "HEX" herrschte. Ich wollte etwas Größeres, Besseres, Herausfordernderes machen. Ich wollte mich nicht wiederholen. Aber die Frage, mit der ich zu kämpfen hatte, war: Wie zum Teufel soll ich das anstellen? Im Endeffekt war es George R. R. Martin, der mir die Lösung offenbart hat. Als ich ihn 2016 in Santa Fe, New Mexico besuchte, sagte er zu mir: „Wenn du nicht weiterkommst, kannst du nur zu deinen Wurzeln  zurückkehren und so schreiben, wie du es in deiner Jugend gemacht hast. Vergiss all deine Leser, egal ob es hunderte oder tausende oder eine Million sind. Es sind nur du und die Geschichte… und hab Spaß daran.” Das war der Schlüssel dazu. All der Druck, den ich mir selbst auferlegte, verdarb mir den Spaß am Schreiben und diese Aussage von jemand wie George Martin zu hören, berührte etwas tief in mir drin. Das habe ich mir für die Zukunft also vorgenommen. Ich habe eine neue Geschichte geschrieben… und ich hatte Spaß. Ich habe noch nie so viel Spaß beim Schreiben erlebt wie bei "Echo".

 

Ich nehme gerne bestimmte Archetypen meines Genres und verdrehe sie auf originelle, innovative Weise. Bei "HEX" habe ich den Trope der Hexe genommen und versucht, damit eine originelle Geschichte zu erzählen. Mit "Echo" wollte ich eine Geschichte über Besessenheit schreiben. Das Herzstück der Geschichte über Besessenheit ist natürlich "The Exorcist", welches grandios ist. Aber was ich an diesen Geschichten über  Besessenheit in der Regel nicht mag ist, dass es dabei immer einen religiösen Aspekt gibt. Menschen können von so vielen verschiedenen Dingen besessen sein. Eine Figur in dem Buch beschreibt die Besessenheit als Besessenheit mit einem Einfluss von außerhalb und was ich damit meine, ist von etwas besessen zu sein und Besessenheit etwas anderem gegenüber sind wirklich eng miteinander verbunden. In "Echo" ist die Hauptfigur von einer Naturgewalt besessen: einem Berg, der ihn und alles um ihn herum verändert. Er spürt die Macht des Sturms und der Lawine und des Abgrunds, der in ihm tobt. Aber gleichzeitig sind beide Charaktere von Liebe besessen – daher die Nähe zur Besessenheit. In gewisser Weise ist "Echo" auch eine Liebesgeschichte.

 

LOL: Du sagtest, die Geschichte wird wahrscheinlich in Russland, der Türkei und vor allem in China zensiert…darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht…wir sind hier in Deutschland…

 

Thomas: "Echo" ist ein Horrorroman über Besessenheit und Liebe. Die beiden verliebten Charaktere sind beides Jungs. Es ist einfach so. In der populären Mainstream-Fiktion sieht man selten schwule Charaktere, ohne dass es in der Geschichte tatsächlich um LGBTQ+-Themen geht. Bei "Echo" geht es auch nicht um LGBTQ+-Probleme. Es ist eine Mainstream-Horrorgeschichte. Als der Roman in den Niederlanden veröffentlicht wurde, erhielt ich Nachrichten von Lesern, die mir sagten, dass sie manchmal erst nach fünfzig oder hundert Seiten bemerkten, dass Sam eigentlich ein Kerl war und keine Abkürzung für Samantha. Das fand ich interessant, denn es sagt etwas über die Art und Weise aus, wie wir Beziehungen wahrnehmen. Wir haben auch festgestellt, dass die Leute diesen Aspekt der Geschichte wirklich mochten, da wir derartige Stimmen nicht oft genug hören.

 

Als ich das Buch schrieb, habe ich mich mit meinen Agenten beraten, ob dies in Ländern wie Russland, der Türkei und China, in denen "HEX" erfolgreich war, Probleme bereiten könnte. Ehrlich gesagt war ihre Antwort: „Kümmert es dich?”. In gewisser Weise tat es das schon, weil ich gerne hätte, dass Leser auf der ganzen Welt meine Geschichten genießen können, auch wenn sie in unterdrückten Ländern leben. Und manchmal überrascht dich das Leben. Letzte Woche habe ich gehört, dass "Echo" an einen türkischen Verlag verkauft wurde. Das macht Hoffnung, nicht wahr? China könnte jedoch ein schwierigerer Fall sein. Als ich 2018 in Peking war, um für "HEX" zu touren, sagte mir mein Verleger, dass sie tatsächlich Teile von "HEX" zensieren mussten. Ich fragte warum, und sie sagten, die chinesische Regierung veröffentliche jährlich eine Liste mit Themen, über die man nicht schreiben darf. Wenn man es trotzdem tut, wird man mit einer Geldstrafe belegt und alle Bücher werden aus den Buchhandlungen genommen und vernichtet. In "HEX" gibt es eine muslimische Familie türkischer Abstammung in der Stadt, die zum Sündenbock wird, wenn etwas schiefgeht. Die Tatsache, dass sie Muslime waren, durfte nicht erwähnt werden, weil die chinesische Regierung einem verbietet, über Religion zu sprechen. Das ist verrückt. Ich frage mich also, ob sie schwule Charaktere in der Fiktion zulassen werden.

Thomas Olde Heuvelt - Echo
©David Samwell

LOL: Warst du für deine Recherchen im Val d'Anniviers und im Val d'Hérens? Und wie bist du ausgerechnet auf den Maudit gekommen? Hat er sich wegen seines Namens Maudit (der Verfluchte) angeboten und sind das reine Erfindungen deines Geistes oder gibt es den Aberglauben und die alten Geschichten über den  Maudit tatsächlich? Wie viel "Wahrheit" steckt also in "Echo"?

 

Thomas: Geografisch gesehen ist in "Echo" alles real, mit Ausnahme des Tals des Maudit. Die Stadt Grimenz existiert und ich war dort schon sehr oft. Was du bei einem Spaziergang durch die Stadt nicht finden wirst, sind die Vogelkäfige an den Häuserfronten, aber du wirst viele Alpendohlen am Himmel kreisen sehen. Es ist ein sehr malerischer Ort. Ich habe viele der umliegenden Berge bestiegen, wie das Zinalrothorn aus der Eröffnungsszene, und das Bild, wie der Helm von Augustins Kopf in den Abgrund fällt, ist etwas, das mir tatsächlich passiert ist. Mein Kletterkumpel hieß übrigens auch Augustin. Er sagte mir: „Bitte töte mich in einem deiner Bücher“ und ich beschloss, ihm seinen Wunsch zu erfüllen. Der Maudit ist jedoch frei erfunden. Ich habe seinen Namen von einem echten Gipfel in der Nähe des Mont Blanc entlehnt, dem Mont Maudit. Der Name war einfach zu gut, um ihn nicht zu verwenden. Alle Legenden, die den Ort umgeben, sind von mir.

 

LOL: Wie ich schon sagte, ist deine Geschichte ziemlich philosophisch und irgendwie tiefenpsychologisch angelegt. Wie siehst du diese Aspekte? Hast du dahingehend selbst Berührungspunkte in deinem Umfeld oder sind das lediglich Themen, die dich interessieren?

 

Thomas: Aus "Echo" kannst du viele Themen über Obsession, Traumata, Eitelkeiten und dergleichen herausfiltern. Als Leser musst du sie jedoch nicht zwangsläufig aufgreifen. Du kannst "Echo" als unterhaltsame, gruselige Geschichte lesen und das ist völlig in Ordnung so. Aber ich liebe Geschichten, die, wenn man an ihre Oberfläche kratzt, etwas Tiefgründiges offenbaren. Das Schöne an guten Geschichten ist, dass genau diese Themen dazu da sind, entdeckt zu werden. Und manchmal findet man Themen, die der Autor nicht bewusst integriert hat, aber sie sind dennoch noch da. Das ist es, was gute Geschichten ausmacht.

 

LOL: Du beschäftigst dich recht intensiv mit den Gepflogenheiten und Abläufen des Bergsteigens. Du bist selbst ein begeisterter Bergsteiger, wie ich lesen konnte…

 

Thomas: Das bin ich und es war mir eine Freude, über die Orte zu schreiben, an denen ich so oft zum Klettern war. Bergsteigen ist ein sehr introspektives Erlebnis, bei dem man bis an seine Grenzen geht. Aber es geht auch darum, diese Grenzen zu erforschen. Für "Echo" habe ich eine Menge Dinge recherchiert, die in den Bergen schiefgehen können. Ich hatte selbst ein paar gefährliche Situationen dort oben. Das führt dir deine eigene Sterblichkeit vor Augen. In den letzten Jahren habe ich festgestellt, dass ich tatsächlich ein wenig Angst vor dem Bergsteigen auf dem Niveau habe, das ich früher gewohnt war. Ich bin in einer langfristigen Beziehung und jetzt, da ich älter werde, fühle ich eine stärkere Verantwortung, an einem Stück herunterzukommen. Mein Partner mag es genauso wie Sam nicht, wenn ich klettern gehe und kannst du ihm das verdenken? Die Berge werden für mich immer eine gewisse Anziehungskraft haben, aber ich muss nicht mehr unbedingt alle ihre Gipfel besteigen.

 

LOL: Ohne dir Honig um den Mund schmieren zu wollen, bezeichne ich deinen Roman als großartige Erzählung. Starke und detaillierte Charakterzeichnungen, eine tiefgründige Geschichte, Spannung en masse etc. Woher kommt deiner Meinung nach diese Leichtigkeit beim Schreiben?

 

Thomas: Dankeschön! Es ist mir immer eine Ehre, wenn mir Leser erzählen, dass meine Geschichten sie berühren. Ich liebe die Verbindung zwischen Autor und Leser. Der Leser beendet meine Geschichte. Wenn ich eine Geschichte schreibe, gehört sie mir und ich kann damit machen, was ich will. Aber wenn ich sie veröffentliche, gehört sie dir. In deinem Kopf sehen all die Orte und Charaktere ein bisschen anders aus, als in meinem und das ist die Schönheit und Brillanz der Vorstellungskraft. Aus diesem Grund liebe ich es, um die Welt zu reisen und überall mit Lesern in Kontakt zu treten. Ich möchte wissen, wer sie sind, ich möchte hören, wie sie meine Geschichten erlebt haben. Und was soll ich sagen? Ich war mein ganzes Leben lang ein Geschichtenerzähler, weil mir mein ganzes Leben lang Geschichten erzählt wurden. Wer gut schreiben will, muss Geschichten lesen und hören. Es ist schwer zu sagen, wie der eigentliche Akt des Geschichtenerzählens zu mir findet, da es ein sehr intuitiver Prozess ist.

©David Samuel Bol
©David Samuel Bol

LOL: Was würdest du jemandem sagen, der "HEX", "Echo" oder "Orakel" noch nicht gelesen hat, warum er genau diese Bücher auf gar keinen Fall verpassen sollte?

 

Thomas: Ich würde sehr nahe an dich heranrücken. Ich würde mich zu dir herüberbeugen und dir ins Ohr flüstern: „Du willst eine gruselige Geschichte hören? Ich kenne eine gruselige Geschichte, aber ich bin mir nicht sicher, ob du sie wirklich hören willst. Denn, es ist die Art von Geschichte, die, wenn ich sie zu Ende erzählt habe, lange nachwirkt. Und heute Nacht, wenn du im Dunkeln in deinem Bett liegst, hörst du vielleicht noch immer mein Flüstern. Du wirst dich umschauen und diese dunkle Silhouette in der Ecke deines Zimmers sehen. Hat sie sich gerade bewegt? Ist sie etwas näher gekommen? Und übrigens, hörst du den Wind, der um das Dach flüstert? Klingt wie eine Stimme, nicht wahr? Das ist die Art von Geschichte, die ich dir erzähle. Bist du dir also wirklich sicher? Nun gut. Hör genau zu.”

 

LOL: In deiner Kindheit hattest du oftmals Albträume wegen der Geschichten, die du gelesen, gesehen oder vorgelesen bekommen hast…aber diese übten eine derartige Faszination auf dich aus, dass du nicht damit aufhören konntest…erzähl mir von diesen Ereignissen!

 

Thomas: Ja, mein Onkel hat mir Geschichten erzählt, die mich nachts nicht schlafen ließen. Und er hat mir die richtig guten Geschichten erzählt. Bram Stokers "Dracula", als ich sieben war. Roald Dahls "The Witches", als ich acht Jahre alt war. Ich war schockiert. Er erzählte diese Geschichten kurz vor dem Schlafengehen. Dann gingen die Lichter aus und ich sah überall Hexen. Die Hexen in Roald Dahls Geschichte sahen aus wie gewöhnliche Frauen, aber sie trugen Handschuhe, um ihre Krallen zu verbergen. Es war Winter in Amsterdam, daher trugen auch die Frauen auf der Straße Handschuhe. Du kannst dir vorstellen, dass ich keiner Frau mehr vertraut habe. Meine Mutter war nicht wirklich glücklich darüber, weil ich sie monatelang wach geschrien habe, aber ich liebe meinen Onkel dafür. Er legte die Saat für das, was ich später einmal tun würde.

 

LOL: Dein neuster Roman "Orakel" ist Anfang dieses Jahres in den Niederlanden erschienen. Was kannst du mir darüber sagen? Gibt es bereits einen Release-Termin für die deutsche Ausgabe und wird es einige besondere Events geben und/oder Dinge, die du zuvor noch nicht gemacht hast?

 

Thomas: Ja, "Oracle" ist im Moment in der Übersetzung und Heyne wird es nächstes Jahr veröffentlichen. "Oracle" ist ein gruseliges, aber auch lustiges Buch. Es ist actionreich. Es beginnt damit, dass ein paar Kinder, in einem nebligen Blumenfeld in den Niederlanden, ein Segelschiff aus dem 18. Jahrhundert entdecken. Ein paar von ihnen erkunden die offene Luke auf dem Deck und kehren nie mehr zurück. Das Team der Polizei, das sich anschließend auf die Suche nach ihnen macht, verschwindet ebenfalls. Die Geheimdienste sind ratlos. Da hier ein Spezialist vonnöten scheint, um diesen übernatürlichen Vorfall nicht nur zu erforschen, sondern insbesondere zu vertuschen, um einen gesellschaftlichen Aufruhr zu verhindern, wenden sie sich an keinen Geringeren als… Robert Grim, den Mann, der das HEX-Kontrollzentrum in "HEX" leitete. Es war eine große Überraschung für mich, dass er immer noch am Leben war, aber er war es. Nach dem traumatischen Erlebnis in Black Spring zahlten ihm die US-Geheimdienste eine üppige Rente, um sich sein Schweigen zu erkaufen. Zehn Jahre später ist er Alkoholiker und leidet an PTSD (Post-traumatic Stress Disorder = Posttraumatische Belastungsstörung). Er hasst die Autoritäten natürlich nach wie vor. Und nun muss er gegen seinen Willen in diesem neuen Fall ermitteln. Es war eine reine Freude, ihn wiederzusehen. Die Leser haben diesen Aspekt geliebt.

 

LOL: Was haben wir in der näheren und ferneren Zukunft noch von dir zu erwarten? Du sagtest einmal, dass es dein Ziel sei, jedes Jahr einen neuen Titel präsentieren zu können. Möglich oder nicht?

 

Thomas: Lass uns auf alle anderthalb Jahre für ein Buch festlegen. Ich habe bereits Ideen für mindestens drei neue Romane. Ich möchte auch an Verfilmungen meiner Werke arbeiten. "HEX" befindet sich in den USA bereits in der Mache. Ich habe mit Drehbuchautor Gary Dauberman (Stephen Kings "ES", "Annabelle 1 - 3") am Drehbuch für die Pilotfolge gearbeitet. Es wird eine vier Staffeln umfassende Serie, die von James Wan produziert wird. Spannende Sachen. Und wenn die Pandemie vorbei ist, würde ich gerne wieder um die Welt touren, um Leser zu treffen. In Deutschland starten, dann in die Schweiz und nach Österreich um "Echo" zu promoten!

 

(Janko)

 

https://www.oldeheuvelt.com/

https://www.facebook.com/thomas.oldeheuvelt.7

 

"Echo" beim Heyne Verlag: https://www.penguinrandomhouse.de/Paperback/Echo/Thomas-Olde-Heuvelt/Heyne/e571419.rhd

 

Thomas Olde Heuvelt - Echo

Heyne Verlag

Horror/Thriller

ISBN-13: 978-3-453-32098-7

720 Seiten

Taschenbuch, Klappenbrosch.

Originaltitel: Echo

Aus dem Niederländischen übersetzt von: Dr. Gabriele Haefs

Erscheinungsdatum: 11.10.2021

EUR 17,00 [DE] [inkl. MwSt] 

Buchtrailer zu "Echo":