
German version (for the English version scroll down further):
Über seinen Großvater Charles Fitzpatrick bekam der 1978 geborene Schriftsteller Ryan Gingeras das Interesse an, und die Auseinandersetzung mit der Mafia quasi in die Wiege gelegt. Sachlich und faktenbasiert trägt der US-amerikanische Historiker seine politisch-kulturelle Auseinandersetzung mit dem Emporkommen, der Etablierung und dem heutigen Machtgefüge der Mafia in leicht gehobener Rhetorik vor. "Mafia" ist ein weitgreifendes Werk, dass sich von der Prostitution im alten Ägypten, über die annähernd 200 Jahre währende Kolonialherrschaft und die 1947 erreichte Unabhängigkeit Indiens, die Goldförderung in San Francisco, die Prohibition, das Glücksspiel im englischen Bath, die Nationalsozialisten, den Aufbau von staatlichen Organen wie der Polizei, den, seit den 1960er Jahren andauernden "War On Drugs", den verheerenden Mafia-Kriegen, der Kokainrevolution, bis weit hinein in die Neuzeit, also in die Etablierung einer Skrupellosigkeit ungeahnten Ausmaßes, erstreckt.
Gingeras ist ein guter Erzähler, der sein Fachwissen nicht einfach nur trocken herunterrasselt, sondern selbiges mit interessanten Anekdoten und einem amüsierten Unterton würzt. Er geht auf die Entstehung der Syndikate ein, ihre jeweilige Kultur, ihre Herkunft, ihre Geschichte, ihre Mystifizierung, ihren Wandel, ihre Strukturen, ihre Verbrechen und ihre Macht. Auch die Verflechtungen in (Privat- und Welt-)Wirtschaft, Politik, Regierung und den Staat, der zu Beginn seiner Existenz noch schwach war und als Tummelplatz für allerlei Gaunerei diente, kommen hierbei nicht zu kurz. Ebenso geht Gingeras auf die zeitweilige Notwendigkeit, die öffentliche Ordnung durch Banditen aufrechtzuerhalten ein. In seinem Werk nimmt er den Aufstieg, die Konsolidierung und die Auflösung mafiöser Syndikate auf der ganzen Welt unter die Lupe. Auch die Urbanisierung, die Verslumung und die damit einhergehende Unterernährung, die Arbeitslosigkeit, die Gewalt, das Elend und die Hoffnungslosigkeit sind Themen seiner Abhandlung. Ryan Gingeras spricht aber auch die Rolle der Polizei an, der Bürgerwehren und der staatlichen Gewalt, in ihrem immerwährenden Kampf gegen Sittenverfall, Alkoholismus, Schlägereien, Prostitution, Diebstahl, Drogenhandel, Schmuggel, Vergewaltigung und Mord. Damals, wie heute wurden und werden diese von Vorurteilen und Rassismus begleitet. Dabei scheut der Autor auch nicht den Vergleich zwischen Politikern und Mafiosi. Wie oft sind diese doch nicht mehr als ein Spiegelbild ihres jeweiligen Gegenübers!
„Banditen werfen die natürliche politische Ordnung über den Haufen, denn die Korruptheit und Inkompetenz des herrschenden Regimes könnten allein durch ihre Existenz ans Licht kommen.“ Zitat S. 62

Die heutigen Mafiosi gingen aus Banditen, Briganten, Piraten, marodierenden Nomaden und bewaffneten Soldaten, die ihren kümmerlichen Sold aufwerten wollten, hervor. Die zunehmende Industrialisierung hatte dem Boss des „Chicago Outfit“ Alphonse Gabriel „Al“ Capone, dem Führer des Medellín-Kartells Pablo Emilio Escobar Gaviria, den Ochoa-Brüdern, Carlos Lehder, El Chapo, dem bedeutendste chinesische Triadenführer der Grünen Bande in Shanghai Du Yuesheng, dem internationalen Drogenschmugglernetzwerks French Connection, Lucky Luciano oder den Mitbegründer des National Crime Syndicate Meyer Lansky und Bugsy Siegel, neue Tätigkeitsfelder eröffnet. Neben den aktuellen Mafia-Organisationen wie der Camorra, die ihren Ursprung in der Region Kampanien und der Metropole Neapel hat, den gewaltbereiten chinesischen Tongs oder den nicht minder gefährlichen Triaden, der sizilianische Cosa Nostra, der japanischen Yakuza, dem kolumbianischen Medellín-Kartell, den New Yorker Five Families, den russischen Vory, den Los Zetas, der Mara Salvatrucha (MS-13), den Bloods, den Crips oder der kalabrischen 'Ndrangheta, erläutert der Essayist die Zusammenhänge ihrer Organisation in finanzieller, politischer und juristischer Hinsicht. Nur allzu häufig trieben Armut, Not und Elend das kleinbürgerliche Volk in die Arme der Mafia. Dabei bringt der Publizist die Hauptbetätigungsfelder wie Prostitution, Raub, Glücksspiel, Erpressung, Drogenhandel, Menschen- und Immobilienhandel, Korruption, Gewalt und (Auftrags-)Mord, u. a. durch den Einsatz von Maschinengewehren und Dynamit, sowie die unglaublich hohen Gewinne und die damit verbundene Macht des Geldes zur Sprache. Auch Gruppierungen wie die Hisbollah, die Taliban oder die Al-Qaida waren und sind am Drogenhandel beteiligt. Es ist jedoch eher die politisch-kulturelle Seite der Geschichte der organisierten Kriminalität, die Gingeras in "Mafia" beleuchtet. Hierbei spielen der jeweilige soziale Status, der Aufbau nationaler Strafverfolgungsbehörden, der Einfluss der Medien und der Zeitgeist der jeweiligen Epoche eine nicht unbedeutende Rolle.
„Im Jahr 1869 waren in Peking bis zu sechzig Prozent der Einwohner Opiumkonsumenten.“ Zitat S. 73
Mit einem umfangreichen Archiv und einem Quellenverzeichnis am Ende seines Werkes untermauert Gingeras seine Thesen über die Kultur der internationalen Gewaltindustrie. Wer schon immer mehr über die Omertà (den Ehrenkodex der Mafia), die skrupellosen Warlords, die White Slavery und die inneren Strukturen der weltweit agierenden organisierten Kriminalität wissen wollte, bekommt mit Ryan Gingeras "Mafia" die absolute Vollbedienung.
(Janko)
https://www.facebook.com/ryan.gingeras.7
Unterhaltung: 83/100
Anspruch: 87/100
Umsetzung: 79/100
Ausdrucksweise: 85/100
Brutalität/Gewalt: 77/100
Spannung: 61/100
Emotion: 55/100
Humor: 10/100
Sex/Obszönität: 14/100
LACK OF LIES - Wertung: 81/100
LACK OF LIES - Altersempfehlung: ab 15 Jahren (aufgrund der Komplexität und des allgemeinen Kontexts)
Ryan Gingeras - Mafia
Droemer HC
Sachbuch
ISBN: 978-3-426-65938-0
432 Seiten
Gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag
Originaltitel: Mafia: A Global History (2026)
Aus dem Amerikanischen von Sylvia Bieker, Pieke Biermann, Gisela Fichtl, Anke Wagner-Wolff
Erscheinungstermin: 04.05.2026
EUR 36,00 Euro [DE] inkl. MwSt.
Weitere Formate:
ISBN eBook (epub): 978-3-426-65939-7
Erscheinungstermin: 04.05.2026
EUR 32,99 Euro [DE] inkl. MwSt.
"Mafia" bei Droemer HC: https://www.droemer-knaur.de/buch/ryan-gingeras-mafia-9783426659380

English version:
- a political and cultural examination of the rise, establishment, and current power structure of the Mafia –
Born in 1978, writer Ryan Gingeras developed an interest in and engagement with the Mafia virtually from the cradle, thanks to his grandfather Charles Fitzpatrick. In an objective and fact-based manner, the American historian presents his political and cultural analysis of the Mafia’s rise, establishment, and current power structure using slightly elevated rhetoric. "Mafia" is a wide-ranging work that spans from prostitution in ancient Egypt, through nearly 200 years of colonial rule and India’s independence in 1947, gold mining in San Francisco, Prohibition, gambling in Bath, England, the Nazis, the establishment of state institutions such as the police, the "War On Drugs" that has persisted since the 1960s, the devastating Mafia wars, the cocaine revolution, and well into the modern era, that is, the establishment of a ruthlessness of unprecedented proportions.
Gingeras is a skilled storyteller who doesn’t just dryly rattle off his expertise, but spices it up with interesting anecdotes and a touch of humor. He explores the origins of the syndicates, their respective cultures, their backgrounds, their histories, their mystification, their evolution, their structures, their crimes, and their power. He also gives ample attention to the interconnections within the (private and global) economy, politics, government, and the underworld, which, at the beginning of its existence, was still weak and served as a playground for all manner of swindling. Gingeras also addresses the temporary necessity of maintaining public order through bandits. In his work, he examines the rise, consolidation, and dissolution of mafia syndicates around the world. Urbanization, slumification, and the accompanying malnutrition, unemployment, violence, misery, and hopelessness are also themes of his treatise. Ryan Gingeras also addresses the role of the police, vigilante groups, and state violence in their perpetual struggle against moral decay, alcoholism, brawls, prostitution, theft, drug trafficking, smuggling, rape, and murder. Then, as now, these efforts were and are accompanied by prejudice and racism. In doing so, the author does not shy away from comparing politicians to mafiosi. How often are they nothing more than a reflection of their respective counterparts!
“Bandits upend the natural political order, for the corruption and incompetence of the ruling regime could be exposed simply by their existence.” Quote, p. 62
Today’s mafiosi emerged from bandits, brigands, pirates, marauding nomads, and armed soldiers seeking to supplement their meager pay. Increasing industrialization had provided opportunities for the boss of the "Chicago Outfit" Alphonse Gabriel "Al" Capone; the leader of the Medellín Cartel Pablo Emilio Escobar Gaviria; the Ochoa brothers; Carlos Lehder; El Chapo; the most prominent Chinese triad leader of the Green Gang in Shanghai Du Yuesheng; the international drug smuggling network known as the French Connection; Lucky Luciano, and the co-founders of the National Crime Syndicate, Meyer Lansky and Bugsy Siegel. In addition to current mafia organizations such as the Camorra, which has its origins in the Campania region and the city of Naples; the violent Chinese Tongs or the no less dangerous Triads; the Sicilian Cosa Nostra; the Japanese Yakuza; the Colombian Medellín Cartel; the New York Five Families; the Russian Vory; Los Zetas; the Mara Salvatrucha (MS-13), the Bloods, the Crips, and the Calabrian 'Ndrangheta, the essayist explains the interconnections of their organizations from financial, political, and legal perspectives. All too often, poverty, hardship, and misery drove the lower middle class into the arms of the Mafia. In doing so, the author addresses the main areas of activity, such as prostitution, robbery, gambling, extortion, drug trafficking, human and real estate trafficking, corruption, violence, and (contract-)killings, including the use of machine guns and dynamite, as well as the incredibly high profits and the associated power of money. Groups such as Hezbollah, the Taliban, and Al-Qaeda have also been and continue to be involved in drug trafficking. However, it is rather the political and cultural side of the history of organized crime that Gingeras explores in "Mafia". In this context, social status, the structure of national law enforcement agencies, the influence of the media, and the zeitgeist of the respective era play a significant role.
“In 1869, up to sixty percent of Beijing’s residents were opium users.” Quote, p. 73
With an extensive archive and a bibliography at the end of his work, Gingeras substantiates his arguments regarding the culture of the international violence industry. Anyone who has always wanted to know more about Omertà (the Mafia’s code of honor), ruthless warlords, white slavery, and the inner workings of global organized crime will find everything they’re looking for in Ryan Gingeras’s "Mafia".
(Janko)
